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Die Friedensautoren mit Texten

12. Oktober 2008 7 12 /10 /Oktober /2008 16:05
 Nach der Maueröffnung habe ich alles Geld, das ich irgendwie auftreiben konnte, verwendet, um mit meinen Kindern in die Ferne zu reisen, die uns bis dahin verwehrt war. Wir sind meistens mit Freunden verreist oder wir haben uns mit ihnen an bestimmten Orten getroffen. Es waren oft die gleichen Freunde. Wir konnten gut miteinander unterwegs und in der Fremde sein. Viel Geld hatten wir alle nicht. Aber wir sehnten uns nach einer Begegnung mit anderen Menschen, mit anderen Kulturen. Wenn dann auch mein Konto leer war, so haben wir doch schöne Erinnerungen, die bleiben, was auch kommen mag.

 

Es geschah auf der Reise nach Tunesien. Karthago: Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten. Herr Brecht, wir haben etwas davon gefunden. Es ist wieder auffindbar, es sind Leute dabei, es auszugraben. Sie haben sich ein wenig geirrt, wie wohl manches Mal. Aber, wenn ich es recht verstand, warnten Sie mit Ihren Worten vor einem 3. Weltkrieg. Der 3. Weltkrieg ist uns auch heute nah. Nur gibt es keine herkömmlich territorial begrenzten Fronten mehr. Nicht mehr die Front zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Es gibt auch nicht mehr so viele Proletarier. Es gibt Angestellte und ein Heer von Arbeitslosen. Immer mehr Menschen verarmen. Die wenigen Reichen gibt es natürlich auch noch. Terror bedroht unsere Welt, Terror durch Einzelne, durch Gruppen, durch Staaten. Und, wie wohl zu allen Zeiten, geht es um Macht, um Öl und um den richtigen Glauben. Ich bin in den Protestantismus hineingeboren und habe daran festgehalten, was mir zu Ostzeiten Leid eingebracht hat. Erstaunlicher Weise bin ich immer noch ein gläubiger Mensch, ohne dass ich viel dafür getan hätte. Ja, ich staune schon darüber, denn manches Erleben hätte mich doch eines Besseren belehren können. Mein Gott ist mit mir gewachsen. Er ist natürlich viel größer als ich denken kann, er war auch immer größer, er umfasst inzwischen alle und alles und die unterschiedlichen Gläubigen und Glaubensrichtungen haben Platz in ihm. Aber ich bin zu Hause bei den Evangelischen, deren Weisen sind mir vertraut, auch wenn ich Anders-Gläubige gerne besuche. Möglicherweise, Herr Brecht, wird man auch uns und unsere Kultur in einigen Jahren nicht mehr auffinden. Vielleicht haben wir uns dann nicht kriegerisch vernichtet oder zu Tode terrorisiert, sondern das Wasser hat uns überschwemmt und mitgerissen. Wasser, das wir provozierten. Und an anderen Orten verwüstet die Erde, verdursten, verhungern Menschen.

 

Ob uns jemand nachbuddeln wird?

 

Es geschah auf der Reise nach Tunesien, während unserer Ankunft. Unsere Freunde waren schon einige Tage vor uns im Lande. Sie wohnten an einem anderen Ort, in einem anderen Hotel, etwa 6 km von uns entfernt. Von ihren vier Kindern ist der älteste Sohn Alexander geistig behindert. Man sieht es nicht gleich. Er ist stark, schön und mutig. Alexander war 10 Jahre alt. Sein Vater hatte ihm bei einem Ausflug unser Hotel schon einmal gezeigt. Alexander freute sich auf uns, er wusste, dass wir kommen. Allerdings wusste niemand, wann wir ankommen werden.

 

Wir kamen gerade unsere Hoteltreppe hinunter. Vorher hatten wir unser Gepäck abgestellt, die Zimmer besichtigt, uns erfrischt. Wir beschritten also majestätisch diese breite, weiße Marmortreppe und waren begeistert. In so einem vornehmen Hotel hatten wir noch nie gewohnt. Ich hörte Geschrei in der Empfangshalle. Jemand rief wütend und laut meinen Namen. Dann sahen wir eine Menschenansammlung. Dort stand Alexander, wild gestikulierend, dabei meinen Namen fast bellend. Er war umringt von einigen Männern. Es waren Kellner, Empfangs- und Sicherheitsbeamte des Hotels. Sie versuchten, ihn zu beruhigen. Vor allem versuchten sie, ihn loszuwerden. Aber er ließ sich nicht wegschicken. Wir riefen ihn. Er war augenblicklich still, um im nächsten Moment mit einem Freudengeschrei auf uns loszustürmen. Zuerst umarmte er meine Kinder, die zu Boden fielen. Später umarmte er auch mich und meinen Freund. Er war vor vielen Stunden seinen Eltern ausgerissen und hatte sich zu Fuß auf den Weg gemacht, um uns zu suchen. Er konnte natürlich weder Tunesisch, Arabisch noch Englisch. Er konnte auch nicht wirklich richtig Deutsch sprechen. Er stammelte Wörter. Aber er war glücklich   und wir auch.

 

Er hatte uns gefunden.


Ich schlage diesen Text als Friedenstext des Monats vor.

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Published by Slov ant Gali eingestellt
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