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Das Friedensblog sammelt Friedenstexte interessierter, engagierter moderner Autoren.

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Die Friedensautoren mit Texten

17. September 2008 3 17 /09 /September /2008 16:26
 Angenehme Kälte… ich spüre, wie mir ein wohliger Schauer über den Rücken läuft, und drehe den Duschhahn aus. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagt mir, es ist 07:30 Uhr, ich habe nur noch eine halbe Stunde, um an die Uni zu kommen und pünktlich zu Vorlesungsbeginn da zu sein.

Andererseits … was bedeutet schon Pünktlichkeit, es geht eh nur um eine langweilige Vorlesung über einen weiteren uralten staubigen Mathematiker.

Trotzdem bin ich gezwungen, mein Frühstück sausen zu lassen, der Gedanke an einen stundenlang knurrenden Magen lässt meine sowieso schon geringe Vorfreude auf den Tag gänzlich schwinden.

 

Auf der Suche nach meinen Sachen von gestern werfe ich noch einen kurzen Blick ins Schlafzimmer, wo eng umschlungen meine 3 Mitbewohner, alle 3 wie ich Studenten, liegen und von einer besseren Welt träumen. Ich versuche mich an die letzte Nacht zu erinnern, doch vor meinem inneren Auge erscheint nur sehr viel buntes Licht, verbunden mit einem starken Gefühl von körperlicher Nähe und Glück.

Es waren wohl ein paar zu viele von den „Glückspillen“, wie ich sie bezeichne. Wissenschaftlich heißen sie wohl LSD… nebensächlich, mich interessiert, dass sie mich freier und offener gegenüber anderen Menschen machen.

Meine heutige Kleidung besteht aus einem mit Blumen bestickten Kleid, darüber lege ich einen breiten Gürtel mit bunter Schnalle an. Auf diesen Gürtel bin ich stolz, ich habe ihn selbst angefertigt.

Mit einer breiten Spange stecke ich meine Haare locker zusammen, und kontrolliere in einem (leicht zerbrochenen) Spiegel, ob sie zu ordentlich aussehen. Nichts hasse ich mehr als auszusehen wie auf einem der uralten Bilder meiner Mutter, adrett und harmlos.

Meine Füße bekleiden ein Paar mokkasinnsähnliche Schuhe, die mir eine Freundin mal gemacht hat.

So ausgerüstet schnappe ich mir nur noch schnell einen Zettel und einen Stift, und ziehe sanft die Wohnungstür hinter mir zu.

 

Gerade als ich die Hälfte meiner Strecke zur Uni zurückgelegt habe, begegnet mir zu meiner Freude ein alter Bekannter, der den gleichen Weg wie ich hat. Obwohl er im Alter meiner Eltern ist, und zu ihnen so weit ich weiß immer noch Kontakt hält, war er mir schon

von Kind auf sympathisch.

 

  • „Na Kleine, du bist ja gar nicht mehr so klein. Wie geht es dir denn?“

  • „Deine „geistreichen“ Bemerkungen haben über die Jahre noch zugenommen, stelle ich fest. Mir geht es gut, bin auf dem Weg zur Uni.“

  • „Also hast du sie Gott sei Dank nicht auch wie viele andere deines Alters geschmissen

sondern denkst auch an die Zukunft!“

  • „ Wer kann wissen, was für die Zukunft wichtig ist?“

Sein schelmischer Gesichtsausdruck zeigt mir, dass er noch der Gleiche wie damals ist.

- „Du wohnst in einer dieser WG’S? Hält man das überhaupt über längere Zeit aus?“

  • „ Teste es doch aus, für dich haben wir noch Platz.“

  • „Nein lass mal, auf meine alten Tage brauche ich etwas Ruhe! Hast du noch Kontakt zu deinen Eltern?“

  • „ Das letzte Mal habe ich sie vor 2 Jahren gesehen, das war, als ich aufgrund gewisser dir sicher noch bekannter Differenzen in die WG gezogen bin.“

  • „Was für eine verdrehte Welt, in der zwei so völlig verschiedene Lebensauffassungen

  • aufeinandertreffen…“

  • „Der Petticoat hätte mir nicht gestanden, glaub mir!“

  • „Trotzdem finde ich es nicht gut, dass alles so auseinandergeht, man kann ja wenigstens versuchen aufeinander einzugehen!“

  • „Das habe ich über Monate versucht, es hat nichts gebracht. So, ich muss hier rein.

Tschüß.“

  • „Tschüß, und viel Glück.“

 

Ich spüre noch, wie mich sein nachdenklicher Blick verfolgt, dann bin ich auch schon im

Uni-Gebäude.

Vor dem Vorlesungssaal diskutieren bereits zwei mit mir eng befreundete Kommilitonen.

Ich gehe rasch zu ihnen um mitzubekommen, über was sie reden. Als sie sehen, dass ich mich ihnen nähere, hellen sich sofort ihre Gesichter auf.

 

  • „Hi! Kommst du heute Nachmittag mit auf die Straße?“

 

 

Ich überlege kurz, in den letzten Monaten hatte ich den Demos unserer Bewegung einiges an Zeit geopfert, jedoch fühle ich mich beim Gedanken daran, vielleicht Teil zu haben an der großen Veränderung unserer Welt, unserer Gesellschaft und der Durchsetzung unserer freien Lebensvorstellungen, immer geradezu erhoben vor Glück.

 

  • „Klar! Um was geht’s denn heute?“

  • „Wir wollen Rudi Dutschke unterstützen, der hält eine Rede.“

  • „Wie – bei uns auf der Straße?“

  • „Nein, ich weiß nicht wo. Aber wir wollen ihm auch von hier aus Beistand leisten

und seinen Forderungen nach einer freieren Gesellschaft ohne Krieg, ohne Zwang und ohne Beherrschung durch ein paar wenige Mächtige unterstützen. Du kommst also?

Bringst du deine Leute mit?“

Mit meinen Leuten meint er meine Mitbewohner.

- „Ja, klar, ich versuche so viele wie möglich zusammenzutrommeln.“

 

Gerade bin ich dabei mich wegzudrehen, als der bisher schweigende zweite Kommilitone

neben mir das Wort ergreift.

 

  • „Noch etwas, wenn du deine Scheiben von „The Mamas & The Papas“ oder von „Janis Joplin“ mitbringst, können wir für ein bisschen Musik sorgen.“

 

Ich nicke und gehe in den Saal. Er ist vielleicht zur Hälfte gefüllt, kein Wunder, viele wollen ganz einfach nicht mehr, da sich trotz vermehrter Forderungen nach Reformen an unserer Uni nichts getan hat. Die Vorlesungen sind steif ausgearbeitet, nach den Vorstellungen der Professoren und die beengende Stimmung ausgehend von den Vertretern einer für uns inakzeptablen Lebenseinstellung lastet wie eine dunkle Wolke über dem Saal. So setze ich mich in eine der ersten Reihen und warte darauf, dass unser Mathematikprofessor den Raum betritt.

Er kommt pünktlich 5 Minuten vor 8.00 Uhr, wie jedes Mal und packt seine Tasche auf den Tisch vor ihm.

Ich kann von nun an jede seiner einzelnen Bewegungen voraussagen, es sind immer die Gleichen. Jetzt öffnet er das Fenster einen Spalt breit, danach legt er sich seine Arbeitsmaterialien geordnet zurecht, fast wie mit dem Lineal abgemessen, und Punkt 8.00 Uhr, keine Sekunde früher oder später, beginnt er seine Vorlesung mit einem „Guten Morgen,

meine Damen und Herren. Wir wollen beginnen.“

 

Meiner Meinung nach würden ihm wenigstens ein paar Studenten mit Interesse zuhören, wenn er seinen Unterricht etwas abwechslungsreicher gestalten würde.

 

Obwohl ich versuche, mich auf den Stoff zu konzentrieren, schweifen meine Gedanken ab.

Ich könnte gerade bei diesem schönen Wetter draußen im Park sitzen und mit meinen Freunden über viel interessantere und wichtigere Dinge nachdenken, wie zum Beispiel über den Einfluss der Massenmedien auf die Gesellschaft oder die Rolle von Experten und Autoritäten. Das waren unsere gestrigen sehr heftig diskutierten Themen.

 

Die Stimme meines Professors reißt mich aus meinen Gedanken.

- „Fräulein, können Sie mir vielleicht meine Frage beantworten, nachdem Sie offensichtlich meinen Ausführungen mit dem größten Interesse gefolgt sind?“

 

Ich habe wohl doch etwas zu auffällig aus dem Fenster gesehen. Plötzlich überfällt mich eine Leichtigkeit und Freude, die ich sonst nur nach Einnahme meiner „Glückspillen“ verspüre.

Ich grinse ihn übermütig an, in meinem Kopf dröhnt „California Dreaming“ von „ The Mamas & The Papas“, warum auch immer ich jetzt darauf komme.

 

  • „Nein, es tut mir leid Herr Professor, aber ihr Unterricht ist in so hohem Maße ermüdend, da kann man nur an andere Dinge denken. Ändern Sie doch mal was, dann höre ich Ihnen auch wieder zu.“

 

Hinter mir höre ich unterdrücktes Lachen, der Professor sieht aus, als würde er gleich Feuer speien. Er ist sprachlos und braucht erst einmal eine Minute, um sich zu sammeln.

 

  • „Ich glaube nicht, dass Sie mir als blutjunge Studentin vorschreiben können, wie ich meinen Unterricht zu gestalten habe. Ich werde Sie melden und dann können Sie um ihren Studienplatz bangen.“

 

Dieser Versuch, mir zu drohen, verursacht bei mir ein spontan herausbrechendes Lachen.

 

  • „Wollen Sie mir etwa weiß machen, die Uni hätte nicht schon genug Studenten auf die Art und Weise verloren? Sehen Sie sich doch mal um, die Reihe ihrer Stundenten lichtet sich; Sie großartige über allen stehende Autorität, schauen Sie sich doch mal um, bald stehen Sie vor einem leeren Saal und können Ihre Vorlesungen für sich selbst halten!“

 

Darauf weiss er keine Antwort, was mich nur bestärkt weiterzureden.

 

  • „Schauen Sie doch mal nach draußen, die Menschen gehen auf die Straße und demonstrieren für eine tolerantere Gesellschaft, ohne Autoritäten wie Sie, die

versuchen, an den peniblen alten Werten festzuhalten. Sie wollen Liebe, Harmonie und gleiche Rechte für alle. Keinen der Kriege anfängt, Menschen unterdrückt und tötet, keine Politiker, die die schlimmsten Gräueltaten im Namen der Gerechtigkeit,

ihrer Auffassung von Gerechtigkeit, begehen und danach alles leugnen. Wir wollen nie wieder solche Verbrechen an der Menschlichkeit wie im NS-Regime erleben, wir wollen keinen Vietnam-Krieg, keine alles beherrschende Wirtschaft und Politik.

Wir wollen keine Machtinhaber und Autoritäten, sei es nur in Form eines sich zu wichtig nehmenden Professors, der sich mit seinem Festhalten an längst vergangenen

Zeiten und falschen Werten selbst belügt. Wir wollen Gleichberechtigung, Offenheit,

Harmonie und Liebe.“

 

Hinter mir bricht ein donnernder Applaus los. Ich sacke völlig erschöpft in mich zusammen und frage mich, ob das gerade wirklich ich war, die diese Rede gehalten hat. Ich werfe einen

Blick vor zu meinem Professor, der in seinem Stuhl zusammengesunken ist.

 

Erst, als sich nach etwa fünf Minuten der Lärm wieder einigermaßen gelegt hat, beginnt er zu sprechen. Ganz leise, aber gut verständlich. Dabei sieht er mir direkt in die Augen.

 

  • „Sie scheinen meine Einstellung hinsichtlich der Politik ja sehr gut zu kennen, wenngleich ich mich nicht entsinnen kann, je mit Ihnen darüber geredet zu haben.

Ich passe anscheinend wunderbar in ihre Vorstellung des uralten, verknöcherten Professors, der sich im Gegensatz zu Ihnen allen gegen die wunderbare neue Bewegung, die Liebe, Frieden und Gerechtigkeit für alle fordert, stellt. Ich bin in Ihren

Augen der Kriegsbejaher, der Verblendete, der sich für den Größten gemessen an Intellekt und Macht hält, der Regimetreue, der alle politischen und wirtschaftlichen Fehler unterstützt, derjenige der mit seinen geradezu unglaublich altertümlichen Vorstellungen von körperlicher Liebe, von Offenheit zwischen den Menschen und Ordnung nur noch belächelt werden kann. Ich bin der alte Klotz, der wie viele andere versucht, ihre Bewegung aufzuhalten, der mit seinen schlechten Werten und seiner altmodischen Art versucht ihre noch junge und schutzlose Ideologie in den Dreck zu ziehen. Nun schauen Sie nicht so, dass denken Sie doch, oder? Ich habe nicht vor, mich vor Ihnen zu rechtfertigen, das habe ich nicht nötig. Nicht vor Ihnen, den ich weiss, sie würden jedes vernünftige Argument mit einem Schlagwort wie „Make love – Not war“ entkräften. Ich will Ihnen nur soviel sagen; so stark und gut ihre Bewegung ihnen auch erscheinen mag, sie ist nicht auf einem Fundament aufgebaut, dass ihr ein langes Bestehen sichern könnte. Es gibt keine Struktur, keine Ordnung, keinen Halt. Sie wird auseinanderbrechen, so gut ihre Ideen auch sind. Glauben Sie mir, ich war auch einmal so jung und naiv wie sie und habe an die Stärke und den Zusammenhalt unter den Menschen als einzig wichtige Lebensgrundlage geglaubt.

Bis alle meine Illusionen zerstört wurden. Wenn dieser Moment in Ihrem Leben kommt, dann denken Sie an mich und lassen Sie sich sagen, dass der Mensch immer weiter kommt, auch wenn er im Schlamm liegt, mit dem Gesicht nach unten.“

 

Nach dieser Antwort ist es still, der Professor verlässt den Saal. Ich drehe mich um und schaue in die Gesichter meiner Kommilitonen. Einige sind erschrocken, andere sehen sehr selbstgefällig aus, wieder andere lachen über den Professor.

Ich fühle mich unwohl, doch dieses Gefühl verfliegt schnell, als ich die beiden Kommilitonen von vorhin auf mich zukommen sehe und sie mir beide begeistert die Hand schütteln.

 

„Das war spitze! Dem Alten hast du es aber gegeben. Solche Leute wie dich brauchen wir!“

 

Nach und nach kommen immer mehr Leute vor zu mir, klopfen mir auf die Schulter oder geben mir mit kurzen Bemerkungen zu verstehen, dass sie begeistert von meiner Verteidigung waren. Ich fühle mich großartig, und begleitet von einigen Freunden trete ich den Heimweg an. In der WG sind meine Mitbewohner inzwischen aufgestanden, eine von ihnen kommt mir heulend entgegen.

 

„Hey, was ist denn los?“ Ich nehme sie in den Arm. Sie fängt an zu lachen.

„Ich bin schwanger.“ Ich freue mich sehr für sie und gratuliere ihr.

„Wer ist denn der glückliche Vater?“ Hinter ihr erscheint erst das verlegene Gesicht meines einen Mitbewohners, dann das des anderen. Wir wissen es nicht, es kommen Beide in Frage.

Ich beschließe nach all der Aufregung noch einmal duschen zu gehen, draußen sind es mittlerweile auch hochsommerliche Temperaturen.

Schnell werfe ich meine Klamotten in eine Ecke und stelle das Radio im Badezimmer an.

 

„Bei einer öffentlichen Demonstration wurde heute der Protestredner Rudi Dutschke lebensgefährlich durch ein Attentat verletzt. Er liegt nun im Krankenhaus ….“

 

Den Rest der Radionachricht höre ich nicht mehr. Rudi Dutschke, der große Vertreter unserer Bewegung, lebensgefährlich verletzt, mich überkommt ein ungutes Gefühl. Ich drehe den Duschhahn auf und muss plötzlich aus unerklärlichen Gründen an die Worte des Professors denken.

Ein eisiger Schauer läuft mir den Rücken herunter, ich drehe den Duschhahn schnell wieder zu, doch ein unangenehmes Kältegefühl bleibt…

Ich schlage diesen Text als Friedenstext des Monats vor.

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Published by Slov ant Gali eingestellt
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