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Die Friedensautoren mit Texten

16. Februar 2009 1 16 /02 /Februar /2009 18:39

Als ich zum letzten Mal seine Wohnung verließ, brach draußen eine Zeit der größten Veränderungen an. Es gab ab nun zwei Arten von Tagen, die einen, die ich mit ihm verbrachte und an nichts dachte. Und die anderen, die ich nicht mit ihm verbrachte. An denen dachte ich an ihn.

Ich verließ den Platz stadteinwärts, schaute noch einmal hoch zu den Fenstern des obersten Stockwerks. Ich passierte die Bus- und Straßenbahnstationen, denn ich hatte keinen Fahrschein und ich wollte nicht ohne fahren. Ich wollte gehen, oder besser noch laufen, denn es gab keine Zeit zu verlieren. Ich wollte diese Welt sehen. Jetzt hatte ich Frieden mit ihr geschlossen, ich war nun bereit sie anzunehmen. Ich hüpfte durch die Straßen, um ihr auf die Schulter zu klopfen, ihr zu zuzwinkern und sagen: „Nun sind wir doch noch Freunde geworden."

Ich dachte an nichts. Ich betrat eine Drogerie. Vor dem Zahnbürstenregal machte ich Halt. Ich bat eine Verkäuferin um Rat, selbst vermochte ich nicht zu entscheiden, welche Farbe, welche Borstenform und welche Stärke meine neue Zahnbürste haben sollte. Ich spürte, ich brauchte für diese Entscheidung Kraft und Mut von solch einer Stärke, als hinge mein Leben davon ab. Denn das tat es.

Ich verließ den Laden mit einer Zahnbürste in der Hand, meine Schuhe schenkte ich einem jungen Mädchen auf der Straße. Beim nächsten Bio-Laden kaufte ich Holzpantoffeln. Ich wollte nicht weiter auf Kosten dieser Welt leben, und ich wollte ihr begegnen mit einem reinen Lächeln. Ich wollte diese Welt behandeln, wie man eine Frau behandelt, so wie auch ich behandelt werden wollte und wie Peter mich behandelt hatte. Ich wollte sie verwöhnen diese Welt, wie er mich verwöhnt hatte. Ich wollte mich in ihr einrichten, zum ersten Mal, hineinfinden in sie, wie er in mich gefunden hatte. Peter war mit der Welt vereint, das hatte ich vom ersten Moment an gespürt. Und dieses Gefühl machte mir Mut. Ich wollte Teil nehmen an dieser kosmischen Liebe. Ich fasste den tiefen Entschluss, Peter erst wieder gegenüber zu treten, wenn ich mit der Welt und mit meinem Leben in Frieden war.

Ich räumte meine Essenvorräte und verschenkte Alu-Dosen und Schokolade auf der Straße und lagerte biologische Hülsenfrüchte ein. Ich riss alle Zeitungsartikel von den Wänden und malte die Wohnung frisch aus mit abbaubarer Farbe. Ich setzte meine Zimmerpflanzen in größere Töpfe, ich löschte Nummern aus meinem Telefonbuch und wechselte meinen Stromanbieter. Ich polierte die Fenster und entfernte gespaltene Spitzen aus meinem Haar. Ich pilgerte zum Inskriptionsschalter der Universität und beendete mein Studium und bat darum, das ehrenvollste Studium aufnehmen zu dürfen. „Die ehrenvollste Wissenschaft ist die Geographie", sagte ich der Schalterdame. Mit dem Inskriptionsblatt in der Hand ging ich zufrieden nach Hause, winkte jedem Passanten freudig damit zu. Zwei Tage später stand ich wieder vor der Schalterdame, um mein Zweitstudium anzumelden: Astronomie, denn ich wollte nicht nur den Kampf für den inneren Frieden dieser Welt aufnehmen, sondern auch für ihren äußeren.

Ich machte mich auf zu den Skripten-Verleihgabestellen und trug alle geographischen und astronomischen Bücher nach Hause, die ich tragen konnte und noch mehr. Tage und Nächte verbrachte ich im Heu, ich las, ich überlegte, ich rechnete, ich verifizierte die Kepplerschen Gesetze, ich widerlegte die Inkonstanz der Lichtgeschwindigkeit.

Zu Beginn des neuen Semesters kündigte ich meinen Job, um alle Vorlesungen besuchen zu können. Ich beantwortete keine Anrufe mehr, und traf keine Freunde mehr, nichts sollte mein Studium behindern.

Nach wenigen Jahren hatte ich die Gewissheit, alles von der Erdwissenschaft verstanden zu haben, was es über sie zu verstehen gab. Und was mir dann erst auffiel, war, ich hatte Peter seit dem letzten Mal nicht nur nicht mehr gesehen. Ich hatte mich auch nicht mehr bei ihm gemeldet, weil ich mich nicht stark genug gefühlt hatte, diese Welt beschützen zu können, diesen heiligen Planeten, auf dem ich mein Leben mit ihm in Liebe verbringen wollte. Und auch er hatte sich nicht mehr gemeldet, und obwohl ich ihn nie auf der geographischen Fakultät getroffen hatte, hatte ich klare Vermutungen, hoffnungsvolle.

Sofort wollte ich zu ihm, sagen: „Peter, die Zeit der Arbeit ist vorbei, wir haben genug Wissen, diese Welt zu verwöhnen." Ich machte mich auf den Weg zu dem Platz, den er bewohnte. Es war schon sehr spät, als ich ihn erreichte. Peter öffnete die Tür. Statt mich herein zu bitten, trat er heraus. Er schaute mich lange an, mit einer heimlichen Aufmerksamkeit, die beinahe eine dunkle Erinnerung in ihm wachgerufen hätte. Ich bemerkte, dass Peter mich nicht erkannte. Das erschien mir ungeheuerlich, obwohl unser einziges Treffen Jahre zurück lag.

Ich musste das Haus auf der Stelle verlassen. Mehr aus Höflichkeit, als aus Interesse, nehme ich an, meinte Peter, wir könnten uns doch ein andermal wieder sehen, dann könnte ich ihm mehr davon erzählen, woher wir uns kannten, er wäre sehr interessiert; man könnte sich „zusammen rufen". Er bat mich um meine Telefonnummer und wunderte sich, unter „Tanja" schon dieselbe Nummer gespeichert zu haben.

Ich stürzte die Stiegen hinunter und sofort dem nächsten Mann in die Arme, der mir entgegen kam. Und einen Tag später dem nächsten. Und so immer weiter. Ich wollte Liebe für diese Welt. Wenn Peter mich angerufen hätte – ich hätte ihn geheiratet. Doch dazu kam es nicht. Peter ist kein Mann der alten Märchen. Ich habe Grund anzunehmen, dass diese Gattung heute nicht mehr existiert. Und es war mir schwer vorzustellen, dass es sie jemals gegeben haben könnte.

Denn ich konnte ihn nicht finden – den Flugzeugbauer. Er, der fest am Boden steht, aber den Blick immer in den Himmel gerichtet hat. Und Flugzeuge baut. Während die Frau im Himmelblau herumflattert, zwitschert, ein Wolkenbett zurecht schüttelt, für den Tag, an dem ein Flugzeug darauf zu landen kommt.

Da es diesen Mann nicht gab, unter den Männern, die ich kannte, vermutete ich, dass es auch etwas mit mir zu tun haben müsste. Ich nahm an, man sah es meinen Händen an, vielleicht meinem Gang und meiner Art zu sprechen, dass ich eine gute Flugzeugbauerin war. Ich hatte wieder einen hervorragenden Job gefunden und ich hatte viele Männer. Mit fünf Männern war die Woche hinübergebracht, am Wochenende fuhr ich zu meiner Familie aufs Land. Ich hätte lieber nur einen Mann, nämlich Peter gehabt, aber die anderen reichten zumindest aus, um jedes Mal, kurz bevor man sich am nächsten war, ihn oben und unten und überall zu spüren – den heimlichen Wolkenflaum.

Ich hatte den Eindruck, bewusst oder unbewusst, verließen sich die Männer auf meine Flugzeugbauenden Hände. Und sie zogen weite Kreise am Himmel oder flatterten entlang schmaler Kurven. Sie zwitscherten. Sie machten sich lächerlich und mich dazu und diese ganze verlorene Gesellschaft.

Es war eine Zeit der größten Veränderungen. Es war Sommer. Oft lag ich in der Wiese und betrachtete die Grashalme. Und die Wolken. Ich las viel. Ich grub mich ein in Büchern, wie mit Sand am Strand und fand in meiner Lese-Lust Lebens-Lust. Ich war auf der Suche nach Antworten zu meinen Fragen. Und mehr noch suchte ich die Fragen, deren Antworten ich – tief in mir versteckt – lauernd wusste. Ich las in einem Buch einen Satz, den alle gelesen haben sollten: Die Menschen sind wie Gänseblümchen, tritt man auf sie drauf, richteten sie sich wieder auf. Jeder sollte wissen von dieser gänseblümischen Art der Menschen, weil man sie bedenken sollte, wenn man Menschen behandelt, wie sie nicht behandelt werden sollten. Und wir alle machen das. Man sollte das immer bedenken, weil die Menschen zu gänseblümisch sind, um gegen das Unrecht zu revoltieren, unter den Kelchblättern Erdnüsse hervor zu ziehen und auf zum Kampffeld. Sondern einfach den Kopf wieder aufrichten, klagend. Weiterwachsen. Geknickt.

Auch ich bin nicht anders. Deswegen sollte auch Peter diesen Satz lesen, weil ich sonst keine Möglichkeit sehe, ihm meine Zuneigung zu ihm begreiflich zu machen. Peter. Peter. Dieser fast symmetrische Fixstern.

Ich habe nicht mehr gewagt, Peter zu sehen. Ich war ein geknickter Halm. Ich hatte meinen Stolz verloren. Ich war wie alle Menschen von der gänseblümischen Art, richtete irgendwann meinen Kopf auf, versuchte der Sonne zu gefallen, weiter zu wachsen. Ich erinnere mich manchmal an einen Trost, der in solchen Umständen oft ausgesprochen wird, und ich kann sie mit den Werkzeugen, die ich kenne, nicht gänzlich widerlegen, die Vermutung, dass es noch andere Mütter gibt, mit schönen Söhnen. Peter hin, Peter her. Ich habe mich entschlossen, Frieden zu schließen mit dieser Welt und meinem Leben. Es liegt noch ein Stückchen Weg vor mir. Nachts, wenn niemand hinsieht, im Regen, wenn sie niemand hören kann, dann stimme ich mich ein auf sie und finde meine Strophe in der Ballade der Blumen.

Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

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Published by Slov ant Gali eingestellt
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