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Die Friedensautoren mit Texten

17. März 2009 2 17 /03 /März /2009 19:16
 


Sabine träumte gerne vor sich hin. Das heißt, ob sie es gerne tat wusste sie nicht. Sie träumte nicht absichtlich, es passierte einfach. In den ersten Jahren fiel das nicht weiter auf, denn ihre Eltern hielten es für normal. Erst als Sabine in die Schule kam wurde das anders. Herr Walterschmitt musste sie häufig während des Unterrichts zur Ordnung rufen. ‚Was habe ich gerade erklärt’, fragte er dann mit lauter Stimme und schlug mit dem Lineal auf die Kante der Schreibfläche. Der Schreck nahm Sabine jedes Mal den Atem, sodass sie nichts sagen konnte, selbst wenn sie die Antwort wusste. Nicht, dass sie hätte Schläge befürchten müssen, Herr Walterschmitt war keiner von denen die Kinder schlugen. Aber Sabine wäre so gerne ein gutes Mädchen gewesen, für ihre Eltern, für den Herrn Lehrer und natürlich auch für Volk und Vaterland. Sabine wusste Ihre Eltern liebten sie trotzdem und wie oft auch Herr Walterschmitt sie zur Elternsprechstunde lud, sagte die Mutter ihr am Ende nichts weiter als - sie solle sich doch nur ein klein wenig mehr Mühe geben und der Vater probte sein strenges Gesicht dazu. Danach nahm er Sabine aber immer in den Arm: ‚Biene-Maus, versuch’s halt, wir möchten nicht mehr in die Schule gehen müssen’. Den allergrößten Ärger gab es jedoch immer dann, wenn nach der Pause alle Kinder zurück in die Klasse sollten. Herr Walterschmitt trat auf den Pausenhof, schlug den Gong und rief ganz laut: ‚Sammeln, alles Sammeln!’ Sogleich standen die Schüler in Reih und Glied, jeweils zwei nebeneinander. Zum Takt des Gongs betraten sie anschließend im Gleichschritt den Klassenraum. Jeder nahm seinen Platz ein, nur Sabine fehlte. Nicht oft, aber doch immer wieder einmal. Und dann gab es, wie gesagt, richtig Ärger. Die Eltern wurden einberufen, das ganze Ausmaß der Störung erneut, und nun wirklich zum allerletzten Male, dargelegt. Gestern sei beinahe eine ganze wichtige Lehrstunde verloren gegangen, räsonierte Herr Walterschmitt mit hilflosem Schulterzucken. Man müsse sich das vorstellen, fast eine ganze Stunde, bis Sabine gegenüber bei der alten Mühlbauerschen aufgefunden wurde, wo sie Milch mit Honig trank und dabei völlig vergessen hatte, dass es eine Schule überhaupt gab. Selbstverständlich war auch die Witwe Mühlbauer nicht ganz unschuldig daran, aber jeder wüsste doch, dass die alte Frau nicht mehr so richtig im Kopf ... na ja alle drei Söhne, da könne man ihren Zustand schon irgendwie verstehen. Am Ende redete die Mutter ihrer Tochter wie immer ins Gewissen, der Vater probte sein strenges Gesicht und Sabine nahm sich vor nie nie nie wieder zu träumen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte einfach nichts dagegen tun.


Es mag so gegen Ende des Schuljahrs gewesen sein und Herr Walterschmitt schlug auf den Gong, obwohl die große Pause eben erst zu einem Drittel vergangen war. Wie dann die Kinder artig aufgereiht vor der Schultüre standen, bemerkte er sofort, dass Sabine wieder einmal nicht unter ihnen war, doch er wagte es nicht darauf hinzuweisen. Womöglich würde man ihn für einen schlechten Lehrer halten, für einen der seine Klasse nicht im Griff hatte, für einen dem Ordnung und Disziplin nicht das höchste Gut war. Und weil Magdalena Rübesam, die Banknachbarin von Sabine, heute wegen Krankheit am Unterricht nicht teilnahm fiel es auch nicht weiter auf, dass noch ein zweites Mädchen in der ersten Bank vor dem Pult fehlte. Als die fremden Besucher, mit den glänzenden schwarzen Stiefeln, schließlich die Klasse wieder verlassen hatten, wobei sie zwei Buben und ein Mädchen mit sich nahmen, schickte Herr Walterschmitt den Rest der Kinder auch nach Hause. Sabine fand nach Honigmilch und schönen leisen Worten, die es sonst fast nirgendwo mehr gab, das Schulgebäude leer und verschlossen vor. Da war es ihr ganz fürchterlich zu Mute, weil die Eltern nun wieder zum Lehrer mussten und weil es ihr einfach nicht gelingen wollte eine Zierde für Volk und Vaterland zu sein. Und dieses Mal hatte es besonders lange gedauert. Ihr Becher war ein zweites Mal gefüllt worden, obwohl Frau Mühlbauer gar nichts weiter erzählen wollte. Aus diesem Grund war ihr dann der Unterricht auch von alleine wieder eingefallen. Aber sie hatte Frau Mühlbauer nicht verletzen wollen und war geblieben. Ob das als Entschuldigung ausreichen konnte? Sabine wusste es nicht.


Am nächsten Morgen gab es, statt der gewohnten einundzwanzig Schüler, nur sechzehn Kinder in der Klasse. David und sein Bruder Ferdinand, sowie Marta Goldblum fehlten. Magdalena Rübesam blieb weiter entschuldigt und auch Sabine fehlte. Die Familie, Vater, Mutter und natürlich die Biene waren noch in der gleichen Nacht auf eine große Reise gegangen. Herr Rübesam hatte noch mit der Mutter geflüstert. ‚Aber ihr Mann müsste doch nicht unbedingt ...’. ‚Aus und Schluss, ich will kein Wort mehr davon hören’, war der Vater ungewohnt heftig dazwischen gefahren. Dann ging er vor Sabine in die Knie und nahm ihr mit strengem Gesicht das Versprechen ab – ganz ganz brav und immer nahe bei ihnen zu bleiben für die nächsten Tage. Als Belohnung würden sie das große, weite und so wunderbar blaue Meer sehen dürfen. Und das wollten Sabine und Magdalena unbedingt.



Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

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Published by Slov ant Gali eingestellt
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