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Die Friedensautoren mit Texten

26. April 2009 7 26 /04 /April /2009 19:45
Wir hatten noch etwas Zeit, bevor die Veranstaltung im Planetarium in Bochum begann. Nebenan befand sich ja die neu erbaute Synagoge. Ich war bei der Grundsteinlegung anwesend gewesen, und schwärmte meiner Mutter von den 6 in kleinen Glasfenstern angeordneten jüdischen Sternen vor, die das Innere zierten.

Meine Mutter wollte sie unbedingt sehen. Wir läuteten an der gut bewachten Tür dieses rechteckigen Baues, und ein Mann öffnete uns. Nachdem er sah, dass unser Interesse echt war, ließ er uns ein und zeigte uns den Gottesdienstraum. Im Halbkreis angeordnet waren die Sitzreihen, für die Frauen auf der einen, für die Männer auf der anderen Seite. Er erzählte, mit einem Anflug von Stolz: „Früher, bei den orthodoxen Juden, mussten die Frauen auf dem Balkon sitzen, aber jetzt hat sich vieles gewandelt.“

 

Wir waren gerührt, nicht nur über den Gottesraum, sondern auch, weil er so freundlich und zuvorkommend uns auch die „Tora“, die Schriftrollen zeigte, die er aus einem reich verzierten Behältnis herausnahm.

An der Tür waren, in Messing eingraviert, die hebräischen Anfangsbuchstaben der 10 Gebote. Ich äußerte mich erstaunt darüber, dass dieses für das Christentum und Judentum gleich sei.

Als wir so in der großen Kathedrale standen, erzählte ich von dem lebenslangen Engagement meiner Mutter in der evangelischen Gemeinde.

Er, mit einem russischen Akzent, wies auf die Decke, und meinte: “Ja – im Grunde ist es doch das Gleiche. Es gibt nur den EINEN da oben.“

Andächtig und verbunden, sichtlich bewegt, standen wir und blickten zu den jüdischen Sternen.

 

Meine Mutter erzählte lebhaft von ihrer Klassenkameradin in der Grundschule, die Jüdin gewesen war:

Sie sagte eines Tages: Du wirst mich jetzt eine zeitlang nicht mehr sehen. Wir fahren nach Amerika. Sag niemand etwas davon – und ich habe es auch nicht getan, denn ich gehörte zur „Bekennenden Kirche“. – sagte meine Mutter. –

Sie war eine gute Freundin von mir – und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Am nächsten Tag kam sie nicht zur Schule. Von da an war sie verschwunden.“

Er sagte: „Wie hieß ihre Freundin?“ – „Esther Straub.“ sagte meine Mutter. Er meinte: “Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Einen Moment mal, ich schaue in unserer Kartei nach. Wir haben hier alle Unterlagen der Bochumer Juden von dieser Zeit.“

Er ging und brauchte etwa 10 Minuten. Dann kam er wieder.

Meine Mutter sagte:“ Haben Sie sie gefunden? Lebt sie noch in Amerika?“ Er guckte sehr ernst, bedrückt, und schien nicht zu wissen, ob er seine Nachricht kundtun sollte.

Was ist … war mit ihr?“

Er sagte leise:

Sie haben es nicht geschafft. Sie sind nie in Amerika gelandet. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass sie, die ganze Familie nach Bergen-belsen abtransportiert wurde. Jemand muss von ihren Plänen gewusst haben. Sie sind alle umgekommen.“

 

Wir waren fassungslos und wurden bleich.

Meine Mutter stammelte: „Wie…wie kann das sein? ...“

Wir… wir lebten…alle zusammen…“

 

Er: „Vielleicht – hat jemand ihr Gespräch belauscht… eine Lehrerin oder ein anderer… In diesen Zeiten…“

 

Eine zeitlang standen wir still in diesem großen schönen Bau, sahen auf die Sterne und das kunstvoll gestickte Altarbild…

 

.„nur ein Gott…“ murmelte ich. „Wenn er doch geholfen hätte…“

 

Mit hängenden Schultern verabschiedeten wir uns von dem freundlichen russischen Juden.

Wir gingen aus dem Kirchenraum, und er setzte sein kleines Käppi ab.

Vielen Dank für die Führung, und – verzeihen Sie bitte, wenn es zu verzeihen ist … verzeihen Sie… unserem Volk…“

Aber in diesem Moment waren wir uns nicht sicher, dass dieses zu verzeihen war.

 

Und unser „Eine Gott“ hatte dazu geschwiegen.


Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

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Published by Slov ant Gali eingestellt
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Kommentare

Evelin Ruehle 05/11/2009 17:51

Hallo Ingrid Dressel,
Das ist eine sehr bedrückende Geschichte. Und ja, gerade wenn man es gut meint, kann es so kommen. In Frankreich sagt man: Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.
Ich schreibe Ihnen, weil der Hypothese, dass Ihre Mutter damit zu tun haben könnte, doch verschiedene rationale Ueberlegungen entgegengestellt werden können.
Menschen, die z.B. aus der DDR flüchteten, taten dies in einer Nacht- und Nebelaktion, wobei sie absolut alles liegen und stehen ließen. Verrat konnte dabei tatsächlich im letzten Moment durch gute oder weniger gute Freunde geübt werden.

Bei den jüdischen Familien war es eher so, dass zumindest bis zum Krieg ihre Ausreise legal beantragt, im Bestimmungsland alles geklärt sein musste und noch dazu eine bedeutende Summe von den deutschen Behörden eingestrichen wurde. Wenn also geplant gewesen war, nach Amerika zu gehen, dann haben eine Menge Leute das gewusst. Warum es dann anders kam, ist eine andere Frage.

Gruß
E.Ruehle

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