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Die Friedensautoren mit Texten

19. Juni 2009 5 19 /06 /Juni /2009 06:44
 Nun zog der Frühling wieder ein. Die Osterglocken blühten, und die Sonne lugte durch die Wolken hervor. Bei uns in den Siedlungshäusern, die angeordnet sind im Karree, wurden die Balkone geputzt, man nahm ein erstes Sonnenbad, noch dick eingehüllt in Decken. Das Leben begann, sich wieder mehr im Freien abzuspielen.

So auch an jenem Montagnachmittag.

 

Ich muss dazu sagen, dass sich im Karree´ ein kleiner Spielplatz und eine Wiese befinden, die alle Kinder magisch anzogen.

Die kleinen Mädchen rutschten und spielten im Sand, die größeren Jungen spielten Fußball auf der Wiese.

Ein Gejohle und Gekicher.

Jeder freute sich über die wärmende Sonne.

 

Nur – ein alter Rentner nicht. Seit dem Tod seiner Frau Else vor ein paar Jahren war er missmutig und übel gelaunt. Er platzierte sich mit einer dicken Decke auf seinem Balkon. „Ein paar Sonnenstrahlen genießen…“

 

Nach einiger Zeit konnte er diesen Kinderlärm nicht mehr ertragen. Er hörte nicht mehr gut, und das Stimmengewirr schmerzte in seinen Ohren. Als es ihm zu bunt wurde, rief er mürrisch, über die Brüstung gebeugt:

Geht es nicht etwas leiser?!“ Ein Junge rief mutig zurück: “Nein!“

Der Rentner, nach einer Weile, wurde jetzt schon böser:

Ruhe da unten!“

 

 

 

 

Die Kinderwaren verwirrt. Sie schauten sich an, einige von den älteren Jungen lachten verstohlen. Ein ganz Mutiger, quasi ihr „Anführer“, rief zurück:

Is nix verbotten hier!“ Seit Kurzem `war er in Deutschland eingebürgert worden, und hatte ausgezeichneten Kontakt zu den anderen Kindern.

De Rentner empörte sich über die vermeintliche Frechheit des Jungen, ihm so „dreist“ zu antworten. Er dachte: “Ist ja noch nicht mal ein Deutscher…“ In seinem Gedächtnis spielte sich ein Film ab:

Von seiner Gefangenschaft in Russland… von den Polen, die nach dem Krieg hier geblieben waren…Von seiner Frau, die mit einem Polen, Marek, befreundet war. Wie viel Mühe hatte es ihn gekostet, Else zu überreden, ihn statt Marek zu nehmen…

 

Er ereiferte sich in diesen Gedanken und brüllte über die Brüstung:

Scheiß – Polacken!!! Verschwindet doch wieder!!!“

Von den anderen Balkonen, auch von den Kindern, kam ihm Gelächter entgegen. Niemand nahm ihn mehr ernst – dachte er sich.

 

Der Schweiß bracht ihm aus. Sein Blutdruck stieg, und er bekam einen hochroten Kopf. Voller Wut über vergangenes Elend und gegenwärtiges Elend, brüllte er noch einmal:

 

Polacken!!! Euch sollte man vergasen!!! Adolf hat das schon richtig gemacht!“

 

Einige Eltern auf den anderen Balkonen, hatten den Konflikt zunächst gutmütig beobachtet. Jetzt mischten sie sich ein:

Was haben Sie mit meinem Sohn zu tun? Was gehen Sie die Kinder an?“

 

Eine, ebenfalls sehr aufgebrachte Mutter kreischte:

Sie gehören ins Altenheim! Sie alter Nazi!!!“

 

 

Die Kinder beobachten fassungslos die schimpfenden Erwachsenen.

 

Ein kleines, engelhaariges Mädchen, mit einer klaren naiven Kinderstimme rief laut und verständlich für alle - nach einer Weile:

Lasst mal. Der olle Opa ist doch nur alleine…“

 

Der Rentner ging vom Balkon hinunter, in seine Küche an den Kühlschrank und schüttete sich erst mal ein Schnäpschen ein. Dann ein Bier für die Nerven.

 

Am Abend ging ihm das blonde Mädchen nicht aus dem Kopf. Wie damals seine Margarete…

Ich habe ganz schön überzogen…“sinnierte er.

 

Am nächsten Tag war wieder schönes Wetter. Die Kinder lärmten und lachten im Hof.

Da tauchte der Rentner auf seinem Balkon auf. Misstrauisch wurde er beobachtet.

 

Er rief zu dem kleinen blonden Mädchen: “ Du, komm doch mal her.“ Das Mädchen näherte sich dem Balkon, und guckte den alten Mann offen und etwas naiv an. „Wie heißt du?“ fragte er. „Julia.“ War die Antwort. „Und wie alt bist du?“ –„Fünf.“ – „Dann kommst du nächstes Jahr in die Schule, richtig?“ – „Ja.“ Sagte das Mädchen.

Er sagte: “Ich hatte auch ein Mädchen so wie du. Aber Margarete ist schon lange tot.“ – „Wie schade…“ sagte Julia.“ Da bist du wohl traurig.“ Er schwieg. - Dann sagte er: „Möchtest du Bonbons?“ fragte er. „Ja gerne.“ sagte sie. „Wenn die anderen auch was kriegen…“

 

Und so warf der Rentner ein paar Bonbons von dem Balkon. Die anderen Kinder kamen näher, und sammelten nach einer Weile des Zögerns die Bonbons auf.

 

 

Fortan hielt er ab und zu ein kleines Gespräch mit Julia, und ließ den Kinderlärm - Kinderlärm sein. Und ab und an – man kann sagen, des Öfteren, warf er Bonbons vom Balkon für alle Kinder.

 

Die Eltern sahen diese neue Entwicklung und waren beruhigt. Manche grüßten ihn jetzt sogar auf der Strasse.

Der olle Opa vom Balkon“ gehörte nach und nach dazu!

 

Zu allen. Zu den Polacken, Türken, Blonden und Schwarzen.

 

Eines schönen Nachmittages, als er wieder den Kindern Bonbons zu geworfen hatte, dachte er:“ Wenn das meine Else noch sehen könnte…“ und war – einen Moment lang – glücklich.


Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

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Published by Slov ant Gali eingestellt
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