Overblog Folge diesem Blog
Administration Create my blog

Über Diesen Blog

  • : Blog für Friedenstexte
  • Blog für Friedenstexte
  • : Wettbewerbstexte als Demonstration gegen deutsche Kriegsbeteiligung
  • Kontakt

FAQ

Das Friedensblog sammelt Friedenstexte interessierter, engagierter moderner Autoren.

Suchen

Die Friedensautoren mit Texten

19. März 2009 4 19 /03 /März /2009 07:39
 

Die namenlosen Toten waren nur noch Zahlen,

die starren Körper nur statistisch noch erfasst.

So schützte der Verstand sich vor dem Grauen,

Entmenschlichung durch Masse abstrahiert.


Als ich mit zwischen Toten Wege bahnte,

geschah es plötzlich, neben meinem Fuß,

dass das erloschne Antlitz eines Toten

mir zugewandt, mit den erstarrten Augen.

Die Verkrustung brach

Und ich sah das Gesicht,

den einen Menschen, dessen Tod mich traf,

so dass Entsetzen vor dem Sterben mich befiel.

Ich selber war der Tote, diesen Augenblick,

der Tod nicht mehr nur anonyme Zahl.

Aus diesen Augen sprach das Leiden aller,

Sinnlosigkeit des Sterbens traf auf mein Gefühl.

Nicht Volk, nicht Vaterland, nicht Ehre

Glorifizierten diesen Tod,

die Berge dieser Toten,

deren eignes Leid verdeckt von namenloser Masse.

 

Dieser eine Augenblick:

Er führte mich zum grauenvollen Abgrund,

wo jeder Schutz versagt,

wo Menschen schreien

in der Todesqual.


Die Zahlen schreien nicht,

nicht die Statistik.

Sie nehmen nur dem Tod die Menschlichkeit.


Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

Repost 0
Published by Slov ant Gali eingestellt
Kommentiere diesen Post
17. März 2009 2 17 /03 /März /2009 19:16
 


Sabine träumte gerne vor sich hin. Das heißt, ob sie es gerne tat wusste sie nicht. Sie träumte nicht absichtlich, es passierte einfach. In den ersten Jahren fiel das nicht weiter auf, denn ihre Eltern hielten es für normal. Erst als Sabine in die Schule kam wurde das anders. Herr Walterschmitt musste sie häufig während des Unterrichts zur Ordnung rufen. ‚Was habe ich gerade erklärt’, fragte er dann mit lauter Stimme und schlug mit dem Lineal auf die Kante der Schreibfläche. Der Schreck nahm Sabine jedes Mal den Atem, sodass sie nichts sagen konnte, selbst wenn sie die Antwort wusste. Nicht, dass sie hätte Schläge befürchten müssen, Herr Walterschmitt war keiner von denen die Kinder schlugen. Aber Sabine wäre so gerne ein gutes Mädchen gewesen, für ihre Eltern, für den Herrn Lehrer und natürlich auch für Volk und Vaterland. Sabine wusste Ihre Eltern liebten sie trotzdem und wie oft auch Herr Walterschmitt sie zur Elternsprechstunde lud, sagte die Mutter ihr am Ende nichts weiter als - sie solle sich doch nur ein klein wenig mehr Mühe geben und der Vater probte sein strenges Gesicht dazu. Danach nahm er Sabine aber immer in den Arm: ‚Biene-Maus, versuch’s halt, wir möchten nicht mehr in die Schule gehen müssen’. Den allergrößten Ärger gab es jedoch immer dann, wenn nach der Pause alle Kinder zurück in die Klasse sollten. Herr Walterschmitt trat auf den Pausenhof, schlug den Gong und rief ganz laut: ‚Sammeln, alles Sammeln!’ Sogleich standen die Schüler in Reih und Glied, jeweils zwei nebeneinander. Zum Takt des Gongs betraten sie anschließend im Gleichschritt den Klassenraum. Jeder nahm seinen Platz ein, nur Sabine fehlte. Nicht oft, aber doch immer wieder einmal. Und dann gab es, wie gesagt, richtig Ärger. Die Eltern wurden einberufen, das ganze Ausmaß der Störung erneut, und nun wirklich zum allerletzten Male, dargelegt. Gestern sei beinahe eine ganze wichtige Lehrstunde verloren gegangen, räsonierte Herr Walterschmitt mit hilflosem Schulterzucken. Man müsse sich das vorstellen, fast eine ganze Stunde, bis Sabine gegenüber bei der alten Mühlbauerschen aufgefunden wurde, wo sie Milch mit Honig trank und dabei völlig vergessen hatte, dass es eine Schule überhaupt gab. Selbstverständlich war auch die Witwe Mühlbauer nicht ganz unschuldig daran, aber jeder wüsste doch, dass die alte Frau nicht mehr so richtig im Kopf ... na ja alle drei Söhne, da könne man ihren Zustand schon irgendwie verstehen. Am Ende redete die Mutter ihrer Tochter wie immer ins Gewissen, der Vater probte sein strenges Gesicht und Sabine nahm sich vor nie nie nie wieder zu träumen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte einfach nichts dagegen tun.


Es mag so gegen Ende des Schuljahrs gewesen sein und Herr Walterschmitt schlug auf den Gong, obwohl die große Pause eben erst zu einem Drittel vergangen war. Wie dann die Kinder artig aufgereiht vor der Schultüre standen, bemerkte er sofort, dass Sabine wieder einmal nicht unter ihnen war, doch er wagte es nicht darauf hinzuweisen. Womöglich würde man ihn für einen schlechten Lehrer halten, für einen der seine Klasse nicht im Griff hatte, für einen dem Ordnung und Disziplin nicht das höchste Gut war. Und weil Magdalena Rübesam, die Banknachbarin von Sabine, heute wegen Krankheit am Unterricht nicht teilnahm fiel es auch nicht weiter auf, dass noch ein zweites Mädchen in der ersten Bank vor dem Pult fehlte. Als die fremden Besucher, mit den glänzenden schwarzen Stiefeln, schließlich die Klasse wieder verlassen hatten, wobei sie zwei Buben und ein Mädchen mit sich nahmen, schickte Herr Walterschmitt den Rest der Kinder auch nach Hause. Sabine fand nach Honigmilch und schönen leisen Worten, die es sonst fast nirgendwo mehr gab, das Schulgebäude leer und verschlossen vor. Da war es ihr ganz fürchterlich zu Mute, weil die Eltern nun wieder zum Lehrer mussten und weil es ihr einfach nicht gelingen wollte eine Zierde für Volk und Vaterland zu sein. Und dieses Mal hatte es besonders lange gedauert. Ihr Becher war ein zweites Mal gefüllt worden, obwohl Frau Mühlbauer gar nichts weiter erzählen wollte. Aus diesem Grund war ihr dann der Unterricht auch von alleine wieder eingefallen. Aber sie hatte Frau Mühlbauer nicht verletzen wollen und war geblieben. Ob das als Entschuldigung ausreichen konnte? Sabine wusste es nicht.


Am nächsten Morgen gab es, statt der gewohnten einundzwanzig Schüler, nur sechzehn Kinder in der Klasse. David und sein Bruder Ferdinand, sowie Marta Goldblum fehlten. Magdalena Rübesam blieb weiter entschuldigt und auch Sabine fehlte. Die Familie, Vater, Mutter und natürlich die Biene waren noch in der gleichen Nacht auf eine große Reise gegangen. Herr Rübesam hatte noch mit der Mutter geflüstert. ‚Aber ihr Mann müsste doch nicht unbedingt ...’. ‚Aus und Schluss, ich will kein Wort mehr davon hören’, war der Vater ungewohnt heftig dazwischen gefahren. Dann ging er vor Sabine in die Knie und nahm ihr mit strengem Gesicht das Versprechen ab – ganz ganz brav und immer nahe bei ihnen zu bleiben für die nächsten Tage. Als Belohnung würden sie das große, weite und so wunderbar blaue Meer sehen dürfen. Und das wollten Sabine und Magdalena unbedingt.



Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

Repost 0
Published by Slov ant Gali eingestellt
Kommentiere diesen Post
10. März 2009 2 10 /03 /März /2009 08:26

 

Fünfte Jahreszeit


"Mit drei f, Herr Professor",

foppt der pfiffige Schöler den Pauker  

und erfasst die Frauen im Ufa-Palast  

mit einer Heiterkeit, die fernen Schrei  

ihrer Männer im Eis verstummen lässt.

 

Im Karussell, dem Kabarett eines KZ,  

singt derweil Pfeiffers Kinokollege  

„"Wenn der Rebbe lacht"“  voll Aberwitz,  

bis seine Bewacher brüllen  

und die eigenen Schenkel schlagen.

   

60 Jahre später erwägt  

der Karneval am Rhein

vor Ausbruch eines Krieges  

ernsthaft eine Auszeit.  

Jedoch, alaaf, de Zoch kütt.

   

Im fünften Februar danach  

zeigt Berlin Bilder von Soldaten,  

die Hunde gegen Gefangene hetzen  

und feixen. Auf Fotos, sagen sie später,  

habe man stets zu lächeln.

   

Ach, wir Narren!  

Warum sollten wir unseren Frohsinn  

und den der Henker nicht weise nennen,  

solange er retten kann unseren Hals.  

Bis Aschermittwoch.

 

veröffentlicht in: Eckhard Weise, Nicht im Traume denke ich daran!, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2008


Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.






























 

Repost 0
Published by Slov ant Gali eingestellt
Kommentiere diesen Post
5. März 2009 4 05 /03 /März /2009 09:58

regentrommeln

vor dem fenster fegt hoffnung hinweg

buntschuppig in klirrenden blättern

baumloses in stückwerk gepflügtes land

bricht in den letzten nähten auf

und dieses sei die religion?


so glasklar schlägt der tod die häuser flach

und tritt auf menschenhälse - kinderrücken

ach unsere hände sind verschmutzt

von narbenkrusten unserer väter

verraten wieder brüder – schwesterstimmen


schmerzstarres atmen nur die kriegskinder

kriechen durch nachtgründe ohne schlaf

fallen zurück in die sirenendröhnende kindheit

in der jede sekunde ein stern umfällt.

es treibt uns hin in

uferlose straßenstürzung


mir bleiben espenzitterhände

die suche nach der imaginativen stadt

in der ein wort allein

vorm untergang versöhnen könnte.

Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

Repost 0
Published by Slov ant Gali eingestellt
Kommentiere diesen Post
2. März 2009 1 02 /03 /März /2009 12:06

Deutschland

16-teilig eins –

 

Deutschland plus 26

plus x

vereint eins

eine Wohnung

im europäischen Haus

gebaut als Euroland?

 

Europa eins?

Europa plus sechs  Kontinente?

 

Den Traum

Welt wird eins

nicht nur träumen

 

Nie wieder Stalingrad

nie wieder Hiroshima

nie wieder Srebenitza!

 

Vom Albtraum

zum globalen Traum

am Ende

im Weltfrieden eins ….

Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

Repost 0
Published by Slov ant Gali eingestellt
Kommentiere diesen Post
28. Februar 2009 6 28 /02 /Februar /2009 16:28

Als stark sich hob die Herrscherhand,
entdeckte eine Weinbergschnecke
die Liebe zu dem Vaterland
und bot sich an als Waffenrecke. 

Den Brief gab sie der Tante mit
die wollte ihn zum Postamt bringen.
Da sie jedoch an Durchfall litt,
zerlief die Tat mit diesen Dingen. 

Der Krieg kam übers Land gezogen,
und viele starben in der Schlacht.
Die Schnecke fühlte sich betrogen,
denn keiner hatt’ an sie gedacht. 

Kaum war der Friede heimgekehrt,
begann sich dieser Gram zu lichten.
Sie lebte, liebte unbeschwert,
vergaß die hehren Heldenpflichten. 

Beim Frühjahrsputz im Haus der Tante
fand sie schockiert den Brief am Klo.
Für damals schalt sie die Verwandte,
für heute fand sie’s besser so.


Rolf Stemmle, Regensburg, 45 Jahre, Theaterautor

(aus „Der Mensch im Tier“)

(Der neunte Preisträgertext.)


Ich schlage diesen Text als Friedenstext des Monats vor.

Repost 0
Published by Slov ant Gali eingestellt
Kommentiere diesen Post
28. Februar 2009 6 28 /02 /Februar /2009 14:28

Wir tanzen den Apocalypso

Weils nichts mehr zu sagen gibt

Und sich jeder beim letzten Calypso

Ein letztes Mal verliebt

Im Ballhaus gefallener Engel

Da fallen die Engel noch mal

Sie stürzen sich in das Gedrängel

Und glauben, sie haben die Wahl

Doch wählen sie nur, wie sie sterben

An Hunger, Krieg oder Pest

Es bleiben keine Erben

Beim allerletzten Fest

Es haben drei wilde Reiter

Sich unter die Tänzer gemischt

Die Ballnacht geht weiter und weiter

Bis es jeden erwischt

Ach, wie wir fraternisieren

Mit Hunger, Pest und mit Krieg

Wenn wir den Kampf schon verlieren

Dann feiern wir das wie den Sieg

Wir tanzen den Apocalypso

Weils nichts mehr zu sagen gibt

Und sich jeder beim Tanz zum Kalypso

Ein letztes Mal verliebt


(Der sechste Preisträgertext der Friedenslesung.)
 

Hamburg  Helmut Fuchs-Bardun ist Theaterautor und Singer / Songwriter.


Ich schlage diesen Text als Friedenstext des Monats vor. 

 

 

Repost 0
Published by Slov ant Gali
Kommentiere diesen Post
28. Februar 2009 6 28 /02 /Februar /2009 12:49

Herr Müller, der gebildet war,

fand, ganz auf sich allein gestellt,

die Lösung in nur einem Jahr,

für ew'gen Frieden auf der Welt.

Er zeigte Leuten stolz die Seiten,

auf denen handgeschrieben stand,

wie man den Frieden konnt' verbreiten,

in aller Welt und jedem Land.

Man fragte ihn: „Was hast du denn

mit deinen Friedensplänen vor?“

Er sprach: „Ich bring' sie zur UN.

Dort hat man stets ein off'nes Ohr.“

Es stoppte ihn ein Offizier:

„Die Staats-Armee ist ziemlich groß.

Und herrscht der Frieden ewig hier,

wird‘s Militär gleich arbeitslos.“

Ein Waffenfabrikant warf ein:

„Auf Frieden kann ich gern verzichten.

Denn Bomben werden nutzlos sein,

will niemand mehr ein Land vernichten.“

Ein anderer ergänzte diesen:

„Wir sollten alle mal bedenken:

der Frieden bringt nur Wirtschaftskrisen.

Wir können ihn uns also schenken.“

Herr Müller sagte daraufhin:

„Ihr denkt, der Frieden sei verkehrt.

Er macht jedoch auf Dauer Sinn.

Das Wirtschaftsopfer ist der wert.“

Man rief: „Du Pazifistenschuft!“

und sprengte im Zerstörungswahn

den armen Müller in die Luft

und mit ihm seinen Friedensplan.

Michael Feindler , 18 Jahre,  zum Einreichungszeitpunkt Schüler und Hobbykabarettist

 
Ich schlage diesen Text als Friedenstext des Monats" vor.

Repost 0
Published by Slov ant Gali
Kommentiere diesen Post
28. Februar 2009 6 28 /02 /Februar /2009 10:44

Unbarmherzig

sticht die Sonne vom benebelten Himmel

die Luft über den Straßen flirrt vor Hitze

die den Atem lähmt

Asphalt schmilzt, klebt an den Schuhen

Kein Windhauch regt sich

Menschen bewegen sich in Zeitlupe,

alle verlieren Flüssigkeit, manche die Besinnung

Blut stockt in den Adern

Rettungswagen sammeln kollabierte Kreisläufe ein

und im Schatten drängen sich die gaffenden Massen

Die milchigen Schleier sind zu dunkelgrauen Wolken geworden

Unaufhaltsam nähern sich tiefschwarze Fronten

schwefelgelbes Zwielicht wirft unheimliche Schatten

Schwüle dämpft den Puls der Stadt

und die Vögel sind verstummt

Jäh kommt heißer Wind auf,

wirbelt Staub und trockene Blätter durch die Straßen,

Dämmerung senkt sich über die Stadt

Spannungsgeladene Stille –

die Zeiger der Bahnhofsuhr geraten ins Stocken

dann bleibt die Zeit endgültig stehen

Die Stadt hält den Atem an,

ihre Häuser ducken sich

und es riecht nach Angst

Ein greller Blitz zerfetzt den schwarzen Himmel

der Knall ist ohrenbetäubend

von allen Seiten steht die Stadt unter Beschuss

weiße Mündungsfeuer erhellen für Sekundenbruchteile

bleiche Gesichter

Eisgranaten schlagen ein

infernalischer Kanonendonner lässt Wände wackeln

Blitze enthaupten Bäume

und der Sturm deckt Dächer ab

während Wolkenbrüche Keller fluten

heiße und kalte Fronten ringen stundenlang

erbittert miteinander

um das Niemandsland

bis sie sich nach und nach einigen,

den Rückzug antreten,

und die Nacht den Frieden besiegelt

Ich atme auf.

Noch mehr Gewalt braucht niemand..


Ich schlage diesen Text als Friedenstext des Monats vor.

Repost 0
Published by Slov ant Gali
Kommentiere diesen Post
28. Februar 2009 6 28 /02 /Februar /2009 08:47

Moru, der kleine Elefant

Abermals haben die Elefanten mich gerettet. Ich meine, indirekt

haben sie mich gerettet.

Es war an einem Sonntag, ein paar Tage nach der Öffnung der

Grenze zwischen West- und Ostberlin, ich fuhr von Berlin nach

Leipzig. Vorher hatte ich mir die Mauer angeschaut. Mit gemischten

Gefühlen saß ich allein in einem Abteil und dachte über das,

was in Deutschland gerade passierte, nach. Ich verstand sehr

gut, das die Deutschen sich freuten. Auch ich hatte dieses enthusiastische

Gefühl gehabt, als mein Land vereinigt wurde... Und

doch hatte ich schon damals ein wenig Angst gehabt und hatte

mich oft gefragt, wie wir mit unseren Brüdern und Schwestern

aus dem kommunistischen Norden zusammenleben würden,

nach so vielen getrennten Jahren. Aber was jetzt hier in Deutschland

passierte, war anders als damals bei uns: Hier hatte die

Demokratie gesiegt. Und wie die meisten Ostdeutschen, liebe ich

die Demokratie.

Während ich da allein die Demokratie feierte, öffnete sich plötzlich

die Tür. Vier Männer standen vor mir. Ohne mich zu fragen,

ob noch frei wäre- als brauchten sie das nicht, denn hier ist doch

ihr Zuhause. Ohne einen Guten Tag!- setzten sie sich und fingen

an zu rauchen.

Ihrem Aussehen nach vermutete ich, sie seien Westdeutsche. Sie

waren sehr gut gekleidet. Aber dann musste ich an ihrer Haltung

und ihrer Sprache feststellen, das sie Sachsen waren. Weil ich

die Demokratie liebe, liebte ich auch die Sachsen, denn dort hat

ten die Menschen, in Leipzig, für die Demokratie gekämpft. Die

Männer wurden mir irgendwie doch sympathisch und ich bewunderte

sie. Ich lächelte.

"Was grinst der denn so?" fragte einer der Männer. "Guten Tag",

sagte ich. Ich wollte sie ansprechen und die Freude mit ihnen

teilen. Es freute jeden zu sehen, wie die Ostdeutschen sich so

frei im anderen Teil ihres Vaterlandes bewegen könnten. Ja, sie

hatten die Freiheit gewonnen. "Wenn der mich weiter so anglotzt,

schmeiße ich ihn gleich raus", sagte der junge Mann in Bomberjacke.

Oh Gott, ich habe einen Fehler gemacht! Ich hätte nicht

lächeln sollen.

„Eh, Fidschi, was machst du bei uns in Deutschland?" Damit

meinten sie mich, denn die meisten Ostdeutschen glauben, alle

Asiaten kommen aus der Fidschiinsel, und wissen nicht einmal,

das die Indianer doch aus Asien kommen und nicht umgekehrt.

„Ich studiere hier in der DDR.

„Du, studieren? Na was denn? West- Geld vielleicht?

„Noch nie zuvor hatte man mir so eine schwierige Frage gestellt.

Ich musste sehr lange überlegen. Wäre ich ehrlich gewesen und

hätte gesagt, dass ich Germanistik in Leipzig studierte, wäre es

zu arrogant und zu intellektuell gewesen und das hätte als eine

neue Provokation aufgefaßt werden können. Da sah ich plötzlich

das Bild in dem Abteil, ein Werbebild von Kitekat.. Ja warum war

ich nicht sofort darauf gekommen? Die Deutschen sind doch wegen

ihrer Tierliebe in der ganzen Welt berühmt.

„Ich im Zoo studieren. Elefanten", sagte ich schnell. Ich wusste

nicht, warum ich die Elefanten gewählt hatte, ich hätte auch

Schäferhunde oder Schwäne studieren können.

„Was? Elefanten? Diese Riesen? Ach was", sagte der Ältere von

den vieren, der eine Krawatte mit der Farben schwarz- rot- gold

trug, "wo kommst du her? Aus Indien oder Afrika?

„Ich aus ...Nepal. Weit", log ich. Ich konnte nicht anders. Ich liebe

zwar meine Heimat, aber bei mir zu Hause gibt es ja zu wenig

Elefanten. Sind wegen des Krieges fast ausgestorben.

„Wo ist das?

„Himalaya. Große Berg von ganzen Welt. Mein Opa immer die

Europäer den Weg zu Himalaya zeigen. Und sie meinem Opa

Geld geben. Und ich dann studieren.

„Nach der Währungsunion möchte ich auch mal hin. Ich will auch

mal hochklettern auf dem Himalaya." sagte der eine.

„Warum studierst du Elefanten? Gibt es sie nicht bei euch?" fragte

der Jüngere.

„Oh, bei uns viele Elefanten. Ich habe fünf, mein Opa haben

neun... Aber meine Elefanten sehr lieb. Ich habe Mama Elefant

und Papa Elefant und drei Elefantenbaby. Doko, Karu und Moru

und Moru zwei Jahre alt, mein Darling.

„Aber, warum studierst du hier bei uns in Deutschland Elefanten,

wenn es bei euch so viele gibt?

„Elefant im Zoo sehr gut Disziplin. Ich Disziplin für Elefant studieren.“

„Siehst du, überall wird unsere Disziplin hochgeschätzt. Selbst im

Urwald", sagte der Alte mit der Krawatte und wandte sich neugierig

zu mir: "Aber sag mal Kleiner, was fressen die Elefanten so,

ist das nicht zu teuer, einen Elefanten zu ernähren?“

„Sie immer Gras essen, kein Geld... Und sie arbeiten im Wald

sehr fleißig.“

„Und die Babys, was fressen die da? Können sie auch arbeiten?"

fragte der Junge mit der Bomberjacke.

„Nein, Moru nicht arbeiten. Moru warten auf mich. Ich komme

zurück und lehren Moru Disziplin, dann Moru gut arbeiten. „Viele

von euch studieren Elefanten hier?" wollte einer wissen. „Nein,

nur zwei...", log ich. Persönlich hatte ich noch keinen Nepalesen

in der DDR gesehen.

„Es sind relativ wenig hier, bei uns", sagte der Alte. „Aber was

anderes, wie kriegen die Elefanten ihre Kinder?" fragte einer.

„Elefanten sind sehr klug, nicht Krieg mit ihrer Kinder..." stellte ich

mich dumm an.

„Nein, er meint nicht Krieg machen. Sondern lieben, wie Elefanten

Liebe machen?" korrigierte der Jüngere.

„Ah, sehr interessante Frage...", sagte ich nachdenklich, um Zeit

zu gewinnen, denn ich selbst wusste auch keine Antwort. Ich

hatte Elefanten auch nur im Zoo gesehen. Nach ein paar Sekunden

hatte ich die Antwort gefunden und fuhr fort: "Die Elefanten

immer schämen, nicht zeigen, wie sie bum bum machen. Aber

alte Menschen erzählen, Elefantenmann und Elefantenfrau

suchen ein Gefälle. Die Elefantenfrau stehen unten, und lehnen

die Schultern an einen großen Baum und Elefantenmann laufen

schnell von oben und springen auf seine Frau. Und wenn der

ganzen Wald wackeln, dann weiß man, dass die Elefanten bum

bum machen..." Ich schämte mich, die Elefanten so blöd darzustellen,

aber ich hatte gar keine Wahl. Ich hatte doch angegeben,

ich studiere Elefant und außerdem wollte ich nicht rausgeworfen

werden.

„Ich habe auch gehört, sie machen es im Wasser...", sagte einer.

„Ja, auch, aber bei uns auch im Wald... Und anders" sagte ich.

„Na, klar", stimmte der Alte zu, "jeder macht das anders. Du

machst es auch nicht wie ein Neger oder?

„Sie lachten und unterhielten sich mit mir, erzählten mir von ihren

Haustieren, von Hund, Katze, Goldfisch und der einer hatte einen

brasilianischen Papagei. Ich versuchte mich an die Geschichten

über Elefanten, die ich als Kind gelesen hatte, zu erinnern. Auch

von den Hängebauchschweinen erzählte ich.

Langsam hielt der Zug an. Endlich war ich in Leipzig angekommen.

„Tschüss", sagten sie. Sie fuhren weiter.

„Wiedersehen, ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg in

einem neuen Deutschland...", sagte ich, und dabei hatte ich vergessen,

das ich gebrochen Deutsch hätte sprechen sollen. Aber

es fiel ihnen nicht auf.

„Viele Grüße an Moru, wenn du zu Hause bist" sagte der Jüngere

mit der Bomberjacke.

„Moru?" Ich war erschrocken, hatte beinah vergessen, was Moru

heißen sollte. "Ja, mein Elefantenjunge. Ja Moru, der hat mir das

Leben gerettet.

„Ich sah, wie ein Zug von dem Gleis nebenan langsam abfuhr

und hörte junge Menschen singen und rufen: " Deutschland,

Deutschland...". Wahrscheinlich spielte an diesem Tag die Oberliga.

Aber wohin der Zug fuhr, wusste ich nicht.

Ich dachte nur noch an Moru, den kleinen Elefanten...


 

Ich schlage diesen Text vor als "Friedenstext des Monats.

Repost 0
Published by Slov ant Gali
Kommentiere diesen Post

Autoren & Texte