Wettbewerbstexte als Demonstration gegen deutsche Kriegsbeteiligung
Moru, der kleine Elefant
Abermals haben die Elefanten mich gerettet. Ich meine, indirekt
haben sie mich gerettet.
Es war an einem Sonntag, ein paar Tage nach der Öffnung der
Grenze zwischen West- und Ostberlin, ich fuhr von Berlin nach
Leipzig. Vorher hatte ich mir die Mauer angeschaut. Mit gemischten
Gefühlen saß ich allein in einem Abteil und dachte über das,
was in Deutschland gerade passierte, nach. Ich verstand sehr
gut, das die Deutschen sich freuten. Auch ich hatte dieses enthusiastische
Gefühl gehabt, als mein Land vereinigt wurde... Und
doch hatte ich schon damals ein wenig Angst gehabt und hatte
mich oft gefragt, wie wir mit unseren Brüdern und Schwestern
aus dem kommunistischen Norden zusammenleben würden,
nach so vielen getrennten Jahren. Aber was jetzt hier in Deutschland
passierte, war anders als damals bei uns: Hier hatte die
Demokratie gesiegt. Und wie die meisten Ostdeutschen, liebe ich
die Demokratie.
Während ich da allein die Demokratie feierte, öffnete sich plötzlich
die Tür. Vier Männer standen vor mir. Ohne mich zu fragen,
ob noch frei wäre- als brauchten sie das nicht, denn hier ist doch
ihr Zuhause. Ohne einen Guten Tag!- setzten sie sich und fingen
an zu rauchen.
Ihrem Aussehen nach vermutete ich, sie seien Westdeutsche. Sie
waren sehr gut gekleidet. Aber dann musste ich an ihrer Haltung
und ihrer Sprache feststellen, das sie Sachsen waren. Weil ich
die Demokratie liebe, liebte ich auch die Sachsen, denn dort hat
ten die Menschen, in Leipzig, für die Demokratie gekämpft. Die
Männer wurden mir irgendwie doch sympathisch und ich bewunderte
sie. Ich lächelte.
"Was grinst der denn so?" fragte einer der Männer. "Guten Tag",
sagte ich. Ich wollte sie ansprechen und die Freude mit ihnen
teilen. Es freute jeden zu sehen, wie die Ostdeutschen sich so
frei im anderen Teil ihres Vaterlandes bewegen könnten. Ja, sie
hatten die Freiheit gewonnen. "Wenn der mich weiter so anglotzt,
schmeiße ich ihn gleich raus", sagte der junge Mann in Bomberjacke.
Oh Gott, ich habe einen Fehler gemacht! Ich hätte nicht
lächeln sollen.
„Eh, Fidschi, was machst du bei uns in Deutschland?" Damit
meinten sie mich, denn die meisten Ostdeutschen glauben, alle
Asiaten kommen aus der Fidschiinsel, und wissen nicht einmal,
das die Indianer doch aus Asien kommen und nicht umgekehrt.
„Ich studiere hier in der DDR.
„Du, studieren? Na was denn? West- Geld vielleicht?
„Noch nie zuvor hatte man mir so eine schwierige Frage gestellt.
Ich musste sehr lange überlegen. Wäre ich ehrlich gewesen und
hätte gesagt, dass ich Germanistik in Leipzig studierte, wäre es
zu arrogant und zu intellektuell gewesen und das hätte als eine
neue Provokation aufgefaßt werden können. Da sah ich plötzlich
das Bild in dem Abteil, ein Werbebild von Kitekat.. Ja warum war
ich nicht sofort darauf gekommen? Die Deutschen sind doch wegen
ihrer Tierliebe in der ganzen Welt berühmt.
„Ich im Zoo studieren. Elefanten", sagte ich schnell. Ich wusste
nicht, warum ich die Elefanten gewählt hatte, ich hätte auch
Schäferhunde oder Schwäne studieren können.
„Was? Elefanten? Diese Riesen? Ach was", sagte der Ältere von
den vieren, der eine Krawatte mit der Farben schwarz- rot- gold
trug, "wo kommst du her? Aus Indien oder Afrika?
„Ich aus ...Nepal. Weit", log ich. Ich konnte nicht anders. Ich liebe
zwar meine Heimat, aber bei mir zu Hause gibt es ja zu wenig
Elefanten. Sind wegen des Krieges fast ausgestorben.
„Wo ist das?
„Himalaya. Große Berg von ganzen Welt. Mein Opa immer die
Europäer den Weg zu Himalaya zeigen. Und sie meinem Opa
Geld geben. Und ich dann studieren.
„Nach der Währungsunion möchte ich auch mal hin. Ich will auch
mal hochklettern auf dem Himalaya." sagte der eine.
„Warum studierst du Elefanten? Gibt es sie nicht bei euch?" fragte
der Jüngere.
„Oh, bei uns viele Elefanten. Ich habe fünf, mein Opa haben
neun... Aber meine Elefanten sehr lieb. Ich habe Mama Elefant
und Papa Elefant und drei Elefantenbaby. Doko, Karu und Moru
und Moru zwei Jahre alt, mein Darling.
„Aber, warum studierst du hier bei uns in Deutschland Elefanten,
wenn es bei euch so viele gibt?
„Elefant im Zoo sehr gut Disziplin. Ich Disziplin für Elefant studieren.“
„Siehst du, überall wird unsere Disziplin hochgeschätzt. Selbst im
Urwald", sagte der Alte mit der Krawatte und wandte sich neugierig
zu mir: "Aber sag mal Kleiner, was fressen die Elefanten so,
ist das nicht zu teuer, einen Elefanten zu ernähren?“
„Sie immer Gras essen, kein Geld... Und sie arbeiten im Wald
sehr fleißig.“
„Und die Babys, was fressen die da? Können sie auch arbeiten?"
fragte der Junge mit der Bomberjacke.
„Nein, Moru nicht arbeiten. Moru warten auf mich. Ich komme
zurück und lehren Moru Disziplin, dann Moru gut arbeiten. „Viele
von euch studieren Elefanten hier?" wollte einer wissen. „Nein,
nur zwei...", log ich. Persönlich hatte ich noch keinen Nepalesen
in der DDR gesehen.
„Es sind relativ wenig hier, bei uns", sagte der Alte. „Aber was
anderes, wie kriegen die Elefanten ihre Kinder?" fragte einer.
„Elefanten sind sehr klug, nicht Krieg mit ihrer Kinder..." stellte ich
mich dumm an.
„Nein, er meint nicht Krieg machen. Sondern lieben, wie Elefanten
Liebe machen?" korrigierte der Jüngere.
„Ah, sehr interessante Frage...", sagte ich nachdenklich, um Zeit
zu gewinnen, denn ich selbst wusste auch keine Antwort. Ich
hatte Elefanten auch nur im Zoo gesehen. Nach ein paar Sekunden
hatte ich die Antwort gefunden und fuhr fort: "Die Elefanten
immer schämen, nicht zeigen, wie sie bum bum machen. Aber
alte Menschen erzählen, Elefantenmann und Elefantenfrau
suchen ein Gefälle. Die Elefantenfrau stehen unten, und lehnen
die Schultern an einen großen Baum und Elefantenmann laufen
schnell von oben und springen auf seine Frau. Und wenn der
ganzen Wald wackeln, dann weiß man, dass die Elefanten bum
bum machen..." Ich schämte mich, die Elefanten so blöd darzustellen,
aber ich hatte gar keine Wahl. Ich hatte doch angegeben,
ich studiere Elefant und außerdem wollte ich nicht rausgeworfen
werden.
„Ich habe auch gehört, sie machen es im Wasser...", sagte einer.
„Ja, auch, aber bei uns auch im Wald... Und anders" sagte ich.
„Na, klar", stimmte der Alte zu, "jeder macht das anders. Du
machst es auch nicht wie ein Neger oder?
„Sie lachten und unterhielten sich mit mir, erzählten mir von ihren
Haustieren, von Hund, Katze, Goldfisch und der einer hatte einen
brasilianischen Papagei. Ich versuchte mich an die Geschichten
über Elefanten, die ich als Kind gelesen hatte, zu erinnern. Auch
von den Hängebauchschweinen erzählte ich.
Langsam hielt der Zug an. Endlich war ich in Leipzig angekommen.
„Tschüss", sagten sie. Sie fuhren weiter.
„Wiedersehen, ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg in
einem neuen Deutschland...", sagte ich, und dabei hatte ich vergessen,
das ich gebrochen Deutsch hätte sprechen sollen. Aber
es fiel ihnen nicht auf.
„Viele Grüße an Moru, wenn du zu Hause bist" sagte der Jüngere
mit der Bomberjacke.
„Moru?" Ich war erschrocken, hatte beinah vergessen, was Moru
heißen sollte. "Ja, mein Elefantenjunge. Ja Moru, der hat mir das
Leben gerettet.
„Ich sah, wie ein Zug von dem Gleis nebenan langsam abfuhr
und hörte junge Menschen singen und rufen: " Deutschland,
Deutschland...". Wahrscheinlich spielte an diesem Tag die Oberliga.
Aber wohin der Zug fuhr, wusste ich nicht.
Ich dachte nur noch an Moru, den kleinen Elefanten...