Overblog Alle Blogs Top-Blogs Lifestyle
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU

Wettbewerbstexte als Demonstration gegen deutsche Kriegsbeteiligung

Werbung

Eva Rex: Dresden am 13./14. Februar 2007

Es war ein Dienstag, ein gewöhnlicher Wochentag, als sich am frühen Abend fünftausend Menschen auf dem Hasenberg vor der Synagoge versammelten, um friedlich gegen Rechtsextremismus und Geschichtsrevisionismus zu demonstrieren, und für den Frieden in Deutschland und in der Welt. „Diese Stadt hat Nazis satt!" war die Losung, die auf unzähligen Bannern, Transparenten und Plakaten über den Köpfen der Menge schwebte, die als flackernder Kerzenschriftzug dem niederprasselnden Regen trotzte, die von den Rednern in inbrünstigem, vom unbedingten Willen zur Aufrichtigkeit angefeuertem Pathos vorgetragen wurde. Fünftausend Menschen bildeten einen Ring um das neu errichtete Bauwerk, das es zu schützen galt. Denn hier hatten vor fast siebzig Jahren die Mauern des alten jüdischen Gotteshauses lichterloh gebrannt, im Beisein hunderter von Reichsbürger, die stumm und staunend den Anbruch einer neuen Zeit begrüßten. Hunderte von Polizisten, abkommandiert aus Sachsen, Brandenburg und Bayern, in schwerer Rüstung schusssicherer Westen, in Helmen mit herabgelassenen Visieren, mit Schlagstöcken und aufmerksamen Blicken, die jede verdächtige Bewegung von außen mit entschlossenen Einsatzbereitschaft registrierten, schützten die Fünftausend mit einem Ring aus Panzerfahrzeugen, Wasserwerfern und Schulter-an-Schulter-Ketten, Für den öffentlichen Nahverkehr wie auch für den privaten Autoverkehr war die Carolabrücke an diesem Abend gesperrt.

„Am 9. November 1938 wurde an dieser Stelle ein Feuer gelegt", rief die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von der Tribüne herab, „ein Feuer, das sieben Jahre später nach Dresden zurückkehren sollte, in der Bombennacht des 13. Februar 1945." Sie zitierte den Ausspruch eines Kabarettisten, der bereits in den 20er Jahren die geistige Beschaffenheit der Nazis so treffend erkannt hatte: „Es gibt drei Dinge, die sich nicht miteinander vertragen – Anstand, Intelligenz und Nazitum. Man kann anständig und intelligent sein, dann ist man kein Nazi. Man kann intelligent und Nazi sein, dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein, dann ist man nicht intelligent."

Die Kundgebung dauerte zwei Stunden. Parteivorsitzende, Gewerkschaftsfunktionäre, Vertreter der wichtigsten kulturellen Institutionen der Stadt und engagierte Bürger ergriffen das Wort. Die Menge jubelte, man schwenkte selbst gebastelte Fahnen. Das Fernsehen war da, das Radio war da, die ganze Welt schaute zu, frei fühlte man sich und sicher. Anschließend gab es kostenlos Glühwein und Würstchen für alle, und die Versammlung wurde offiziell beendet. Fünftausend Menschen zerstreuten sich gut gelaunt und mit dem gemütlichen Gefühl, einen wichtigen Beitrag für den Erhalt der demokratischen Grundordnung geleistet zu haben, in alle Himmelsrichtungen. Die Redner stiegen in die bereitstehenden Staatskarossen, Dienstwagen oder Taxis, je nach Dienstgrad, die Helfer bauten geübt und in aller Eile die Tribüne und die Würstchen-, Glühwein und Informationsstände ab, die noch immer stramm stehenden Polizeisoldaten wurden von ihren Einsatzleitern zusammen gepffiffen, das Aufgebot an Schutz und Verteidigung der Demokratie und Grundrechte zog ab. Gegen 22°° Uhr wurde die Carolabrücke wieder für den Autoverkehr freigegeben.

Es war Mittwoch, der 14. Februar 2007, genau vierundzwanzig Stunden später, als gegen 22°° Uhr an der Haltestelle neben der Synagoge eine Straßenbahn der Linie 3 zum Stehen kam. Fünf Jungendliche mit kurzem Haarschnitt und Bomberjacke, jeder von ihnen mit einer geöffneten und schon fast leeren Bierflasche in der Hand, stiegen aus. Der Platz auf dem Hasenberg war menschenleer. Es regnete noch oder schon wieder, der Wachmann, der regelmäßig vor der Synagoge patrouillierte, hatte sich in seine Bude zurückgezogen und las in der Zeitung von den erfreulichen und Hoffnung erweckenden Ereignissen des Vorabends. Nur der Autoverkehr in seiner geordneten Sturheit, donnerte in unaufhörlichem Fluss über die Carolabrücke.

Die fünf Jugendlichen kippten sich den letzten Rest Bier in den Rachen, schmetterten die Flaschen gegen die Ostmauer der Synagoge und erhoben synchron ihren Arm zum Hitlergruß. Von der Ampel her näherte sich eine alte Frau der Haltestelle, sie stütze sich auf eine Gehhilfe, ihr Schritt war wackelig und unsicher, sie hatte große Mühe voranzukommen. Schon wollten sich die fünf schnell und unbemerkt in die umliegenden Büsche schlagen, da bemerkte einer von ihnen, wie die alte Frau heftig an den Griffen ihrer Gehhilfe zerrte. Das Rad des stark beanspruchten Metallgestells hatte sich beim Überqueren der Gleise in einer Straßenbahnschiene verkeilt, die alte Frau wirkte hilflos und ängstlich. Der Jungendliche – er fühlte den Harndrang in seiner Blase bereits sehr stark, fasste sich ein Herz und hechtete, als er in einiger Entfernung eine Bahn herannahen sah, auf die Frau zu, stemmte mit einem Ruck das Gestell aus der Schiene und begleitete die vor Aufregung zitternde Frau noch bis zur Bahnsteigkante. Als die Straßenbahn der Linie 7 die Frau verschluckt und sich summend entfernt hatte, kehrten die fünf zur Synagoge zurück. Sie stellten sich in eine Reihe und pissten unter Gegrunze und Gegröle gegen den polierten Sandstein der Nordwand.

Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

Werbung
Zurück zu Home
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post