Wettbewerbstexte als Demonstration gegen deutsche Kriegsbeteiligung
Das Schokoladenpapier knisterte in seiner Hand. Er liebte St. Martin. Und den Geburtstag seines großen Bruders, denn er bekam dann auch immer ein paar Kleinigkeiten. Stolz hielt er seine Laterne seiner Großmutter vor die Nase und strahlte sie an. „Hab` ich ganz allein in der Schule gemacht!" Die Augen weiterhin auf dem Bildschirm gerichtet, murmelte sie etwas zwischen „Toll, Schatz" und „ Voll kacke." Das Wort hatte er schon auf dem Schulhof gehört, und er wusste, dass man es nicht sagen durfte. „Kacke sagt man nicht", belehrte er sie, gleichzeitig beleidigt darüber, dass sie so wenig Begeisterung gezeigt hatte. Und auch jetzt, wo er dieses angeblich so böse Wort in den Mund genommen hatte, rügte ihn niemand. Was war denn nur los? „Das ich das noch erleben darf…", murmelte sein Großvater. „Was?", fragte er. Doch er bekam keine Antwort. Alle Mitglieder seiner Familie waren nicht mehr ansprechbar. Ein paar Menschen standen im Fernsehen auf einer Mauer und sangen laut. Na und, konnte er auch und dabei war er erst sechs. Die im Fernsehen waren doch schon so alt. Und dann auch noch diese alten Männer aus den Nachrichten. Das ist doch doof. Gelangweilt wandte er sich ab und seinem Bruder zu, der mit seinen Matchbox- Autos auf dem Teppich saß. Vielleicht darf man, wenn man erwachsen ist, auf Mauern spielen, nicht so wie jetzt, wenn Mama einem so was verbietet, dachte er. Und die Mauer schien ganz schön hoch zu sein. Er setzte sich auf den Teppich. Irgendwie waren die Autos spannender.
Müde öffnete er die Augen. „Es brennt! Unglaublich! Mach den Fernseher an!" Sein Bruder stürmte ins Wohnzimmer und er wurde aus seinen Träumen gerissen. Was war nur los? Was brannte? Solang es nicht das Dach über seinem Kopf war, war ihm das ziemlich egal. „Mach den Fernseher leiser", murmelte er, unfähig seine Augen richtig zu öffnen. Als würden zentnerschwere Gewichte an seinen Lidern hängen. Er war ja so müde. Die Klausur heute Morgen war einfach nur anstrengend gewesen und vor dem Training wollte er unbedingt noch ein bisschen Ruhe haben. Er hatte schließlich die ganze Nacht vor Aufregung nicht schlafen können. Die Gespräche seiner Familie ließen jedoch keine Ruhe zu. „Oh mein Gott", murmelte seine Mutter und starrte gebannt auf den Bildschirm. Sein Vater, selbst begeisterter Feuerwehrmann in der kleinstädtischen freiwilligen Feuerwehr des Ortes konnte sich eines fachmännischen Kommentars nicht enthalten. „Echt scheiße, so ein Brand ist schwer zu löschen." Wieso zeigen die jetzt schon einen Brand im Fernsehen? Er verstand die Welt nicht mehr. Das hier war schließlich nicht irgendein kleiner Lokalsender. Gut, es brannte in einer Weltmetropole, aber das war wahrscheinlich nicht das erste Mal. Das würde ja heißen, dass die Feuerwehrmänner dort sonst nur Däumchen drehten. Und in so einer Stadt gehörte das Heulen der Sirenen doch wohl zum Tagesgeschehen, durfte man all dem Mist glauben, der so tagtäglich über den Bildschirm flimmerte. Er drehte sich auf die andere Seite, wünschte sich, sie würden ihn mit diesem Mist in Ruhe lassen. Er war schließlich müde. „Die terroristische Organisation…" vernahm er die Stimme des Nachrichtensprechers. Und wenn schon. Jetzt ist eh zu spät.
Er blickte seiner Kollegin in die Augen. „Du bist also noch nie im Heimatland deiner Eltern gewesen? Findest du das gar nicht spannend?" Sie schaute ihn verwundert an. „Äh, ich glaube nicht, dass es da unten so lustig ist, auf jeden Fall nicht so wie es im Reiseprojekt aussieht", erwiderte sie ihm trocken. Und dann erzählte sie ihm von den Erlebnissen ihrer Eltern. Von ihrer langen Reise nach Europa, mit dem Wissen, wahrscheinlich nie mehr in ihre Heimat zurückkehren zu können. Von dem Leid ihrer Verwandten, die noch dort waren. Davon, wie eine Welle fast ihr ganzes Leben zerstört hätte, aber dafür das vieler Freunde und Verwandte.
Auf dem Weg in sein Büro wurde er nachdenklich. Er hatte solche Probleme nie gehabt. Seine Gedanken waren in seiner Jugend einzig und allein um Hockey und Mädchen gekreist. Von seinen Eltern hatte er erwartet, dass sie ihn in Frieden ließen, wenn es um solche Dinge ging. Und irgendwie schien genau das der Punkt zu sein. Sein ruhiges Leben hatte er nie zu schätzen gewusst. Und vor allen Dingen hatte er nie einen Gedanken daran verschwendet, wie es anders wäre. Verdammt er gehörte zu einer Scheiß-Generation, die Frieden gar nicht zu schätzen wusste.
Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.