Overblog Alle Blogs Top-Blogs Lifestyle
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU

Wettbewerbstexte als Demonstration gegen deutsche Kriegsbeteiligung

Werbung

Jennifer Lynn Erdelmeier: Frieden ist die Abwesenheit von Krieg

Es hat geschellt, aber keiner von uns kümmert sich darum. Es

tobt der tägliche Krieg im Klassenzimmer. Es ist laut. Einige

schreien herum, oder lachen. Irgendwo hört jemand Musik. Der

Streber wird wieder von den anderen Jungs gepiesackt. Warum

nicht? Ist sonst ja keiner da!

Niemand sitzt auf seinem Platz oder kramt Bücher raus. Wofür

auch? Überall liegen Trinktütchen, Papier oder Essensreste herum.

Pünktlich betritt die Lehrerin das Zimmer. Sie wird mit Kreide

beworfen, doch die scheint das nicht zu merken, oder ignoriert

das einfach. Ist auch besser so.

Sie klatscht in die Hände. „Jetzt setzt euch mal bitte alle hin! Der

Unterricht fängt jetzt an!“ Doch niemand regt sich. Später, nach

vielen Diskussionen, und einigem Hin und Her, laufen die Mädchen

über und bequemen sich hinzusetzen. Es sind meistens die

Mädchen, die kapitulieren. Wer weiß warum?

Dann geht es los. Mit was? Hab ich vergessen. Ich beobachte die

hoch motivierte Lehrerin. Ist neu, hat Ideale. Wie lange noch?

Wie lange wird sie brauchen bis sie resigniert, wie manch anderer,

meist älterer Lehrer, der durch den Gang schlurft und die

Jahre bis zur Rente zählt?

Die Zeit will nicht vergehen. Ich schaue auf die Uhr über der Tür.

Man sieht dort noch den Schmutzrand von einem Kreuz, dass

dort mal irgendwann hing, es aber schon lange nicht mehr tut.

Ich beobachte genau den Sekundenzeiger. Wie das Ticken einer

Zeitbombe, läuft auch die Zeit der Schulstunde ab.

Dann gibt die Alte uns auch noch Hausaufgaben auf. Das hat uns

gerade noch gefehlt, wie ist die denn drauf?

Wir stehen auf, ballen die Hände und brüllen durcheinander. Aus

Protest. Wir demonstrieren gegen die Hausaufgaben.

Wir sollen einen Aufsatz über das Thema „Frieden“ schreiben.

„Scheißfrieden, Mann“, sag ich zu meinem Sitznachbarn. Dann

klingelt es und unsere Proteste gehen in dem allgemeinen Lärm

unter. Die Lehrerin macht sich schnell aus dem Staub. Hat wohl

Angst, wir würden sie lynchen.

Dann geh ich nach Hause. Scheißhausaufgaben. Muss erstmal

checken, was überhaupt „Frieden“ bedeutet. Wen interessiert das

schon, außer der Scheißlehrerin?

Ich googel „Frieden“ und der Computer spuckt mir die Erklärung

mitten ins Gesicht: „Frieden ist ein heilsamer Zustand der Stille.“

Oh Mann, wie langweilig ist das denn? „Frieden ist die Abwesenheit

von Krieg!“ Ich glaube ich schlaf ein! Was bitte, soll ich

darüber schreiben? Hat jemand ‘ne Idee?

Ist wohl alles Friede, Freude, Eierkuchen, oder was? Null Aktion,

null Spannung, null Krawall! Nichts kracht oder wird zerstört. Hm,

mir fällt nichts ein.

Dann schalte ich den Fernseher an. Ich brauche Ablenkung. Ich

zappe mich durch unzählige Kanäle und bleibe bei den Nachrichten

hängen. Eine friedvolle Demonstration eskaliert. Habt ihr

euch mal gefragt warum? Frieden ist nichts Dauerhaftes, Mann.

Letztendlich regiert das Chaos! Voll die krasse Straßenschlacht

geht da ab. Schwarzvermummte gegen Polizisten. Da hat keiner

einen Plan. Voll verschärft! Aber ist lustig zuzusehen. Jemand

karrt dort einen Einkaufswagen mit Pflastersteinen an, als könnte

man die im Supermarkt kaufen. Ich hätte dann mal gerne 100 Kilo

Pflastersteine. Aber gute Qualität, um möglichst viele Bullen platt

zu machen! Geil! Und dann fangen sie an zu werfen. Die Steine

fliegen durch die Luft und hageln auf alles nieder, was sich nicht

rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat. Wer da zwischen die Fronten

gerät, hat Pech gehabt.

Ey Alter, ist schon heftig! Aber, hatte ich nicht Recht? Ohne Krieg,

keine Nachrichten. Schon mal dran gedacht wie viel Arbeitsplätze

verloren gingen, wenn es nichts mehr über Krisengebiete zu berichten

gäbe, hä? Oder wie viele Arbeitsplätze alleine die Waffenindustrie

schafft, hä? Und überhaupt!

Und die Friedensindustrie? Gibt es die?

Tja, na ja, aber ganz so asi bin ich auch nicht. Will mal meinen

guten Willen zeigen. Ich raffe mich auf, mein dreckiges Geschirr

in die Spüle zu stellen und leere den Aschbecher. Frieden fängt

im Kleinen an, denke ich. Also warum nicht mit dem Hausfrieden

anfangen? Vielleicht schreib ich ja darüber was.


 

J.L. Erdelmeyer lebt in Berlin als Architektin und Autorin.


Ich schlage diesen Text vor als "Friedenstext des Monats".

Werbung
Zurück zu Home
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post