Sonntag, 28. september 2008

ER: „Ich hoffte, sie werden mich vergessen. Aber haben sie nicht.“

SIE: „Wer hat dich nicht vergessen?“

ER: „Na, die!“, sagte Kenway und zeigte Ellen den Brief, der nicht bedrohlich wirkte auf den

ersten Blick. „Lies!“, sagte er. Sie wehrte ab.

ER: „Ich soll morgen in die Tennessee Lane ins Rekrutierungsbüro kommen.“

SIE: „Warum, Kenway?“

ER: „Ach, meine süße Ellen, die wollen mich in ihren Krieg schicken.“

SIE: „In den Krieg? Ich dachte -“

ER unterbrach sie. „Liebste, der Krieg ist immer noch im Irak. Im Mai sind mehr Soldaten der USArmee

gestorben als in all den Jahren davor.“

SIE: „Kannst du nichts dagegen machen?“ Sie schien zu begreifen und einzelne Tränen liefen ihr

die Wangen hinunter.

ER: „Ich glaube nicht, ich weiß nichts.“

SIE: „Wie lange, Kenway?“

ER: „Ich weiß es nicht. Ein Jahr, ein halbes? Ich weiß es wirklich nicht.“

SIE: „Siehst du die Rosen? Sie blühen schon!“ versuchte sie abzulenken.

ER: „Ja, recht schön“, sagte er, ohne eigentlich hinzusehen.

SIE: „Und wenn ich jetzt schwanger würde – mußt du dann auch noch in den Krieg?“

ER: „Ja, Ellen. - Komm!“, sagte er und setzte sich auf das Sofa. „Laß uns einen netten Abend

verbringen. Es wird gewiß nicht so schlimm.“

SIE: „Wann mußt du morgen da sein?“, fragte sie verweint

ER: „Früh. Sehr früh!“

Am nächsten Morgen.

SIE: „Bist du schon lange auf, Kenway?“

ER: „Ich war schon da. Heute nacht geht es los.“

© Sabine Marta Mittelstaedt - 1 - Nie wieder

SIE: „Warum hast du mich nicht geweckt?“

ER: „Du hast so friedlich ausgesehen. Ich schaute dich lieber an.“

SIE: „Wie – was heute Nacht schon? Nein, bitte nicht!“ Ellen schluchzte, weinte hemmungslos.

ER: „Ich werde dir schreiben, jeden Tag! Ich liebe dich!“

SIE: „Wieso – dieser Krieg ist Unsinn!“, sagte sie mit tränen erstickter Stimme.

ER: „Das wissen nicht nur wir. Dennoch. Versprich mir, auf mich zu warten und mir zu schreiben –

wirst du das tun, Ellen?“

SIE: „Ja. Aber ich will das nicht. Bleib bitte hier!“

ER: „Dann muß ich ins Gefängnis. Würdest du das wollen?“

SIE: „Ist mir lieber, als daß du nie wiederkommst. Ich brauche dich doch, Kenway.“

ER: „Ich komme wieder. Ich verspreche es Dir.“

SIE: „Wie kannst du das versprechen? Es sind so viele nicht wiedergekommen! Du führst Krieg

gegen Zivilisten! Willst du das wirklich?“

ER: „Ach, Ellen. Ich habe doch keine Wahl. Natürlich will ich eigentlich nicht. Laß uns nicht

darüber nachdenken jetzt. Ich muß heute nacht los. Zwei Uhr.“

SIE: „Fahre nicht. Ich werde dich sehr vermissen.“

ER: „Ich werde dich auch vermissen. Meine Gedanken werden immer bei dir sein, mein Engel.“

SIE: „Ich weiß, aber du wirst nicht hier sein. Wenn ich meine Hand ausstrecken werde, ist da

niemand.“

Kenway drückte seine Ellen fest an sich und sagte, „Der Bus kommt hier vorne, auf den großen

Paltz. Es scheinen einige zu sein von diesem Viertel, die mitkommen.“

SIE: „Warum, Kenway?? Ich will das nicht! Bitte bleibe hier! Bitte!“ Über Ellens Gesicht rannen

die Tränen.

ER: „Laß uns meinen Rucksack packen. Wir stehen das durch. Glaube mir. Es wird mir nichts

passieren. Also hilf mir. Was brauche ich alles.“

SIE: „Wieso mußt du, ich verstehe es enfach nicht!“

ER: „In einer Stunde --“

SIE: „Schreibe mir sofort, ja Kenway tust du das?“ Ellens Augen waren rot geweint. Er nickte. In

seinen Augen waren Tränen.

ER: „Bringst du mich zum Bus?“

© Sabine Marta Mittelstaedt - 2 - Nie wieder

SIE: „Ich werde dich nicht gehen lassen!“ Ellen schluchzte. „Warum geht nicht Bush und jeder, der

diesen Krieg gutheißt, selbst? Und läßt sich erschießen? Oder sind diese Menschen etwas Besseres

als wir?“

ER: „Ach, meine radikale liebste Ellen.“ Kenway nahm ihr Gesicht. Er küßte sie. Sie lehnte sich an

ihn und sagte mit trauriger Stimme.

SIE: „Du wirst nie wieder derselbe sein wie jetzt! Der Krieg wird dich verändern! Die ganze

Gewalt! Diese sinnlose Gewalt! Ich liebe dich, Kenway, vergiß das nie! Ich werde auf dich warten,

ich werde alles verfolgen über den Krieg! Weißt du schon, wohin du kommen wirst?“

ER: „Ich nehme an, in den Süden. Alles andere vor Ort. - Ich muß. Da ist der Bus“, sagte Kenway

auf einmal.

SIE: „Nein, nicht jetzt!“ Ellen versuchte Kenway festzuhalten. „Zu früh! Der Bus ist doch zu früh.“

ER: „Ich muß. Komm, meine Schöne. Weine nicht.“

Eines Tages kam die erste Feldpost aus dem Irak.

ER:

Hier ist es heiß und staubig. Weiß auch nicht, warum wir hier sind. Unser Kommandant spricht von

Friedensmaßnahmen, verrückt oder, Ellen? Frieden mit Waffen. Wie geht es Dir, meine Schöne?

Meine Haare, die Du so sehr mochtest, sind abrasiert worden. Ich vermisse Dich und Dein Bild ist

immer bei mir. Ich muß Schluß machen. Sie bringen gerade Verwundete rein. Die haben Glück.

Haben diesen Irrsinn hinter sich. Sag meine Liebste auf was von mir kannst Du verzichten?

Schreibe bald, ich sehne mich nach Dir, mein wundervoller Engel. Dein Kenway.

**

SIE:

Liebster, ich bin froh – wenn Du schreibst, von Dir zu lesen. Die Blumen blühen wie nie. Aber

nichts ist schön ohne Dich. Auf was ich verzichten kann, nicht auf Dich. Du fehlst mir. Du wirst

lachen. Ich suche Dich und...verzeih meine Tränen auf diesem Brief. Ich glaube, auf Deine Augen,

wäre etwas, worauf zu verzichten schlimm wäre – ach, alles ist so grausam. Komm wieder,

wunderbarer Mann. Ich kann auf NICHTS von Dir verzichten. Am wenigsten auf Dich. Deine Ellen.

**

ER:

Liebste, ich war überrascht – wieso meine Augen? Ich liebe Dich. Hier richt es nach Blut und

verwesten Leichen. Es ist sehr heiß. Gestern war hier ein Häuserkampf. Keine Angst. Mir ist nichts

passiert. Aber viele sind gestorben. Viele Zivilisten! Es ist schrecklich. Dein Bild schaue ich mir

immer wieder an. Warte auf mich mein Engel. Ich will dies hier nicht. Ich will zu dir, egal wie! Ich

hätte auf Dich, Engel, hören sollen. Morgen gehen wir in voller Ausrüstung auf Patrouille. Dein

Kenway.

© Sabine Marta Mittelstaedt - 3 - Nie wieder

**

SIE:

Wunderbarer Mann, wieso die Augen. Ich habe es nur so daher gesagt. Armer Schatz. Als wir – du

weißt schon: ich bin wirklich schwanger. Deine Stimme. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich

weine. Bin traurig. Komm wieder. Unser Kind, Kenway. Ich liebe Dich. Hier verliert keiner ein

Wort über diesen Krieg. Du fehlst mir. Deine Ellen.

**

ER:

Ich werde, meine Süße, gewiß für Euch beide da sein. Bald. Ich weiß auch wie. Vermisse Dich,

meine Schöne. Ich muß los. Gestern haben Aufständische einen Raketenanschlag verübt. Viele

Verwundete. Mir ist – ich weiß nicht warum – nichts passiert. Aber irgendwann ist dieses Glück,

vermute ich, auch vorbei. Vielleicht morgen schon? Mein Schatz, ich werde ganz bald wieder bei

Euch sein, meine süße Ellen. Dein Kenway. PS Ach ja, morgen geht ein Teil meiner Einheit in den

Norden, die türkische Armee unterstützen. Wie geht es Euch?

**

SIE:

Liebster! Uns zweien geht es gut. Du fehlst. Die alte Frau von drüben hat mich eingeladen zu sich,

damit ich auf andere Gedanken komme. Sie hat damals ihren Mann in Vietnam verloren. Und ihren

Sohn alleine großgezogen. Es ist Irrsinn. Krieg ist so dumm. Komme wieder! Deine Ellen.

--

Ellen hörte einige Wochen nichts von Kenway. Sie machte sich mehr Sorgen denn je. Bis ein

Telegramm eintraf.

„...Es tut uns leid. Ihr Mann ist verwundet worden. Er ist jetzt erst wieder

transportfähig. Ankunft der verwundeten Truppen übermorgen auf dem Roosevelt-

Airport. 7.00 Uhr.“

Ellen war mehr als pünktlich. Als sie Kenway endlich fand, waren seine Augen mit dickem Mull

verbunden.


Ich schlage diesen Text als Friedenstext des Monats vor.

von Slov ant Gali eingestellt - Community: Lebensalltag
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0) - empfehlen
Zurück zur Hauptseite

Kalender

Juli 2009
M D M D F S S
    1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31    
<< < > >>

Blog erstellen

Blog : Weblogs auf de.over-blog.com - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Missbrauch melden