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Die Friedensautoren mit Texten

14. Oktober 2008 2 14 /10 /Oktober /2008 05:43

oder: Berlin, Sarajewo und anderswo

  Als ich ganz klein war, lag ich im Kinderwagen, und über mir schwebte das Gesicht meiner Mutter. Das war, als sie mit mir zum Bunker rannte. Im Bunker war’n Doppelstockbetten und kratzige Decken. Später fiel ich im Kindergarten die Treppe runter und im Garten in die Eierpampe. Das fanden wir alle lustig. Noch etwas später sind wir stundenlang durch zerbombte Straßen gelaufen, weil, es fuhren keine Busse und Elektrische, und auch keine S-Bahnen und U-Bahnen. Als wir mal an ‘ne Brücke kamen, wunderte ich mich, dass sie auf der einen Seite steil ins Wasser ragte und auf der anderen Seite wieder steil empor. Das verstand ich nicht, wozu solche Brücken gut sein sollten.

 

Als ich noch klein war, fand ich alles aufregend, und alle war’n echt nett. Als ich mal vom Balkon runter guckte, habe ich einer Kolonne gefangener Franzosen so freundlich zugelächelt, dass sie mir ‘nen Ball hochwarfen. Das war nämlich so, dass man damals keine Bälle kaufen konnte. Es gab nämlich keine. Auch Badewannenstöpsel nicht. Die Russkis fanden mich niedlich mit meinen weißblonden Locken und den blauen Augen und schenkten mir Schokolade. Die gab es nämlich auch nicht. Dafür bekamen wir nach großen Bombenangriffen zusätzlich ein Pfund Fleisch, Bonbons, Schnaps und Lullen. Das nannten wir „Zitterprämie“.

 

Als ich klein war, gab’s „Kopftausch“. Das fand ich ganz grauslich. Dass das bedeutete, dass jemand die Wohnung mit ‘nem andern tauschte, habe ich erst viel später kapiert. Grauslich fand ich auch ‘ne „vielköpfige Menge“. Als ich klein war, glaubte ich an Engel.

 

Meine Mutter lag Ende es Krieges mit Diphtherie auf der Seuchenstation von ‘nem Krankenhaus, wo sich kein Russe hintraute. Nach’m Krieg, wenn meine Mutter mich mitnahm zum Kaffeekränzchen mit ihren Freundinnen und ich im Sessel saß und angeblich tief versunken in ‘nem Buch las, lauschte ich mit gespitzten Ohren dem Getuschel der Frauen über das, was sie während der letzten Kriegstage erlebt hatten. Ich wusste schon echt früh Bescheid.

 

Silvester 45 kam mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück und brachte mir Marzipan mit. Das fand ich dufte, das Marzipan meine ich. Denn so ganz alleine mit meiner Mutter und meiner Omma war es viel besser. Mein Vater, der sich auf seine Frau gefreut hatte und vielleicht auf mich, musste nun auch noch die Schwiegereltern in Kauf nehmen. Denn die waren ausgebombt, und so kamen wir alle in kleinen Zimmern in Lichterfelde unter. Dort wohnte auch der Bruder von Erich Fromm mit seine Familie. Der wollte mich eigentlich adoptieren. Aber das wollte mein Vater nun auch wieder nicht, was ich dufte fand.

 

Später zogen wir nach Schöneberg. Den Umzug machten wir mit ‘nem Bollerwagen. War eh nicht viel, was wir mitnehmen konnten. Als nämlich meine Mutter von der Seuchenstation nach Hause kam, räumten die Russkis gerade die ganze Wohnung leer. Das hat sie nie überwunden. Aber später reisten sie doch nach Leningrad und Moskau.

 

Mein Opa sang mir immer vor: „Es war in Schöneberg, im Monat Mai, ein kleines Mägdelein war auch dabei.“ Ich war mächtig stolz darauf, dass es ein Lied extra nur für mich gab. Aber damals glaubte ich auch an Zwerge.

 

Kurz nach dem Krieg gingen meine Eltern mit mir in ‘ne riesige, echt vornehme Altbauwohnung am Barbarossaplatz und besuchten Freunde. Das war’n Juden, die sich in Berlin in so’ner Laube versteckt hatten. Mein Vater hat es die ganze Zeit gewusst, aber er hatte es nie meiner Mutter erzählt. Das fand sie nicht gut. Jedenfalls schenkten mir die Freunde ’n Armband. Dabei kannten sie mich doch gar nicht. ‘N paar Tage später wanderten sie nach Australien aus. Doch die eine Tante kam bald wieder zurück. Sie hatte so’n Heimweh gehabt. Von da an aß ich immer wieder mal Matze und wunderte mich, dass meine Tante sonnabends kein Geld anfasste. Jeden Freitagabend setzte sie sich in ihren Sessel und betete. Ich hab’ meine Tante so bewundert.

 

Eines Tages guckte meine Mutter ganz wichtig, nahm mich an die eine Hand und die Handtasche und ‘n Hocker in die andere und ging mit mir zu einem Laden, vor dem schon viele Frauen standen. Sie quatschten miteinander, und ich fand es echt lustig. Das nannte sich Währungsreform. Später durfte ich mit den ungültigen Lebensmittelmarken spielen. Mein Vater arbeitete in Ostberlin, und so bekamen wir ganz lange noch Kleider nur auf Punkte. Ich hab’ nie begriffen, was die bedeuten sollten. Das ist was ganz Geheimnisvolles, dachte ich bei mir.

 

Als ich klein war, spielten wir in Ruinen. Das war strengstens verboten. Denn manchmal krachten die Häuser zusammen. Meine Mutter nahm mich dann an die Hand und zeigte mir das eingestürzte Haus und sagte: „Da siehste, was geschehen kann, wenn du in den kaputten Häusern spielst!“ Einmal zeigte sie mir auch ‘ne Frau, die blutend mitten auf’m Damm lag. Das sollte mir zeigen, dass man vorsichtig über die Straße laufen soll. Na ja, gut fand ich das nicht.

 

Überhaupt konnten wir damals dufte spielen. Im Winter rodelten wir die Hügel in der Ebersstraße runter. Denn damals lag im Winter immer Schnee, und im Sommer war’s immer heiß. Später kapierte ich, dass die Hügel Trümmerberge waren.

 

Als ich klein war, wär’ ich fast ertrunken. Ich war nämlich auf die Zehenspitzen immer weiter ins Wasser gelaufen, und dann war da kein Boden mehr unter meinen Füßen und der Strand war ganz weit weg. Aber dann machte ich ‘n paar Bewegungen und hatte wieder Grund. Seither weiß ich, dass ich mir immer selber helfen kann. Ich wär’ auch mal in der Crellestraße fast vom Laster überfahren worden. Da habe ich einen ganz schönen Schreck gekriegt.

 

In die Ebersstraße war auch meine Penne. Auf einige Kellertüren waren riesige Pfeile aufgemalt. Dort ging’s zu den Luftschutzbunkern. Wir mussten uns auf dem Schulhof immer in Zweierreihen aufstellen, bevor wir ins Klassenzimmer gingen. Mein Freund, was der Wolfram war, und ich standen dann in der ersten Reihe und waren das Brautpaar mit Gefolge. Aber vorher, ganz am Anfang, marschierte unsere Mädchenklasse eines Tages in den Jungenflügel von der Schule. Das nannte sich dann Koedukation.

 

Die Turnhalle war ausgebombt, und so hatten wir keinen Sport. Ich fand das gut. Unser Lehrer sang mit uns und spielte auf der Klampfe: Lustig ist das Zigeunerleben, Drei Zigeuner fand ich einmal, Erika, Oh du schöner Westerwald und all die vielen anderen schönen Lieder. Wir waren auch die erste Klasse, die in ein Schullandheim fuhr. Im Wald bei dem Heim war ‘ne Versammlungsstätte, die unser Lehrer „Tingplatz“ nannte. Ich hab meinen Lehrer echt gemocht.

 

Als ich klein war, strickte mir meine Mutter aus aufgerubbelten Zuckersäcken Hemden und Schlüpfer, was fürchterlich kratzte, und ich trug rosa Leibchen mit Strumpfhaltern. Wir aßen Trockenkartoffeln und Trockenkarotten, und meine Onkel in Amerika schickten uns Care-Pakete mit Chesterkäse und Cornedbeef und Nestle-Schokolade. Bei der Schulspeisung gab’s Kakao mit Rosinenbrötchen oder Brühnudeln mit ekligen, dicken Zwiebelstücken drin.

 

Als ich klein war, waren Geburtstage noch Geburtstage und Weihnachten noch Weihnachten.

  Seitdem ich klein bin, hasse ich den Krieg.

  Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

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Published by Slov ant Gali eingestellt
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Kommentare

Slov ant Gali 09/25/2008 12:34

Hier muss ein technischer Fehler vorgelegen haben. M. E. ist er jetzt aber behoben.
Sorry!
Slov

schreibschule 09/25/2008 09:55

Hallo, wieso kann bei diesem Text auch über die Autorenliste nicht abgestimmt werden?

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