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Die Friedensautoren mit Texten

23. Februar 2009 1 23 /02 /Februar /2009 17:11

Krieg ist aller (Dinge) Vater, aller (Dinge) König, und hat die einen als Götter gezeigt, die andern als Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien gemacht.“

 

Heraklit von Ephesos, griechischer Philosoph

 

 

Es geschah nicht selten, dass Vater Krieg und Mutter Frieden aneinander gerieten. Eigentlich könnte man sogar sagen, dass es ein Dauerzustand war, der die beiden, seit sie aufeinander getroffen waren – und das war schon eine solch lange Zeit her, dass selbst sie sich nicht mehr an ihr erstes Treffen erinnern konnten - begleitete. Schon oft hatten beide insgeheim darüber nachgedacht, was sie zusammen hielt, was sie daran hinderte sich nicht vom anderen zu trennen. Die Antwort darauf war einfach und traf in ihrer grundsätzlichen Aussage wohl auf einen Großteil aller Beziehungen zu: Miteinander mochte es nicht wirklich funktionieren, ohne einander jedoch noch weniger. Denn dort wo Mutter Frieden sich aufhielt, war auch Vater Krieg zugegen – wenn auch nur dadurch, dass man gedanklich seine Abwesenheit bemerkte. So bedingten die beiden einander.
Die geduldige, zarte Mutter Frieden und der grollende, energische Vater Krieg, die auf den ersten Blick so gar nicht zusammen passen wollten, waren so alt wie die Menschheit. Gemeinsam mit ihr wurden sie geschaffen.
Als Ares oder Mars, mit denen die Völker sich Götter des Krieges schufen, an die sie sich wenden konnten und als Eirene oder Pax, Göttinnen des Friedens, die oft verzweifelt angerufen wurden, begleitete das Paar die Menschen seit jeher und würde es auch immer tun.

 

Trotz ihres schwierigen Verhältnisses lebten Vater Krieg und Mutter Frieden zusammen. Ihr Wohnsitz war kein Haus mit Vorgarten, kein Appartement in der Stadt, keine bescheidene Lehmhütte, nein, all das besaßen sie nicht. Doch sie schlicht heimatlos zu nennen, wäre wohl keine hinreichende Erklärung für ihre Situation gewesen. Denn in Wirklichkeit lebten sie überall, nirgendwo sesshaft, so dass sie im Grunde genommen kein Zuhause besaßen. In jedem Haus wohnten sie, in jeder Gasse, unter jeder Brücke waren sie beheimatet, lebten in kleinen Dörfern und großen Städten. Sie ließen sich auf den höchsten Gipfeln, im tiefsten Dschungel blicken, scheuten die heißesten Wüsten und die kältesten Pole nicht. Dort, wo Menschen waren, waren sie auch - meist gemeinsam und in einem fortlaufenden Wettbewerb zueinander stehend. Während die Waffen von Vater Krieg Macht, Hass, Neid und Wut waren, zeichnete sich das Werben von Mutter Frieden durch Liebe, Geduld, und Toleranz aus. Manche Menschen waren empfänglicher für das eine Locken, manche für das andere.


Während Vater Krieg im Nahen Osten gerade wieder einmal die Gemüter erhitzte – dort hielt er sich in letzter Zeit immer öfter auf - und abends mit diesem Flackern in den Augen Mutter Frieden gegenüber trat, dann wusste sie, dass wieder einige Menschen gestorben waren.

So war es auch an jenem Abend, als sie gerade schlecht gelaunt von der Arbeit kam. Erfolglos hatte Mutter Frieden versucht zwei Dörfer in Afrika, die sich seit Jahren bekämpften, zu versöhnen. Sicher, sie wusste, dass es auch solche, schlechte, Tage gab und Vater Krieg äußerst talentiert war, in dem was er tat. Wenn sie gegen ihn bestehen wollte, so musste sie konzentriert und hart arbeiten. Doch seit einiger Zeit schien ihr eine Pechsträhne anzuhaften. Dass Vater Krieg mit zunehmendem Alter kontinuierlich an Stärke und Macht zunahm, machte es nicht einfacher für sie. Mit neuen Waffen baute er die Kunst des Kriegs und der Vernichtung aus, erdachte neue Taktiken und verstand es mehr als zuvor seinen Beruf wirkungsvoll auszuüben. Mutter Frieden seufzte. Hinzu kam außerdem, dass es in dieser neuen, kleiner gewordenen Welt, mit der sie kaum noch zurechtkam, schwieriger geworden war Frieden zu schaffen. Denn die Menschen schienen nun, wo ein Blick in den Fernseher genügte um sich über das Geschehen in anderen Ländern zu informieren, in ihrem Neid und der Intoleranz anderen und sogar dem eigenen Volk gegenüber, viel leichter auf Vater Krieg hereinzufallen. Manchmal, so glaubte Mutter Frieden, war ihre Zeit schon vorbei und sie hatte es nicht bemerkt.

Als sie gerade realisierte, dass sie nicht die Chance haben würde aufzugeben, oder zu kündigen, bemerkte sie, dass Vater Krieg hinter ihr stand und sie beobachtete. Mutter Frieden wandte sich zu ihm um. Das Grinsen, mit dem er sie ansah, verriet, dass er einen erfolgreichen Tag hinter sich haben musste. Vater Krieg setzte sich zu ihr.

Wir müssen reden“, begann Mutter Frieden, obwohl sie wusste, dass er allergisch auf solche, nichts Gutes verheißenden, Vorankündigungen reagierte.

Ich beobachte nun schon seit längerer Zeit, dass...“

Vater Krieg unterbrach sie, bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hatte: „Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass du nur noch am Rumnörgeln bist, an mir, meiner Arbeit. Immer sagst du, dass ich dich ungerecht behandle. Dich und das was du tust. Dass du gar keine Chance gegen mich hast.“

Er schüttelte den Kopf. „Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, du hast Minderwertigkeitskomplexe.“

Mutter Frieden zog die Augenbrauen hoch und wandte sich von ihm ab, bevor sie begann zu sprechen.

Früher war es immer so, dass wir beide gleich viel zu tun hatten. Naja, oder sagen wir ich hatte zumindest einen Bereich für mich, mit dem ich zufrieden war. Du hast schon immer mehr für dich beansprucht, aber in letzter Zeit nimmst du immer mehr Raum ein, so dass nichts mehr für mich bleibt“

Vater Krieg stöhnte gequält.

Schon mal drüber nachgedacht, dass die Menschen daran Schuld sind und nicht ich? Sie lassen sich heutzutage einfach leichter durch mich beeinflussen“, er zögerte, „versteh mich nicht falsch, aber vielleicht bist du auch einfach nicht mehr so effektiv wie früher und arbeitest zu altmodisch, der neuen Situation nicht angepasst.“

Mutter Frieden sah ihn eindringlich an und stockte einen Augenblick bevor sie weiter sprach. „Ich bin Mutter Frieden. Ich brauche keine Fortbildungslehrgänge oder so. Das was ich gemacht habe, wie ich seit jeher arbeite, hat sich nie geändert und bislang war es auch immer gut genug, während ...“

Ja, ja, die Leier kenne ich schon...neue Waffentechnologien in meinem Namen erfunden wurden und ooohh, ja, die Atombombe erfunden wurde, die mich zu einem reinen Massenvernichtungsapparat hat verkommen lassen.“ Er schlug gekünstelt die Hände über dem Kopf zusammen. „Ich bin schon unfair.“

Ist doch wahr. Du bewegst dich in gewaltigen Schritten voran und ich bleibe zurück. Hältst du das für gerecht?“

Er antwortete nicht.

Manchmal frage ich mich wirklich wie du das aushältst soviel Leid, soviel Sterben in deinem Namen. Manchmal frage ich mich wie ich es mit dir aushalte.“

Die Diskussion haben wir doch schon so oft geführt.“

Seine Stimme wurde plötzlich nachgiebiger und er legte Mutter Frieden die Hand auf die Schulter.

Ich habe mich nicht selbst geschaffen. Das weißt du doch. Ich bin geboren und erdacht von denen, die du bemitleidest. Es gibt immer welche, die sich bewusst für mich entscheiden und den Krieg dann verbreiten, auch wenn gleichzeitig ein Teil der Bevölkerung auf deiner Seite steht und Frieden will. Wir beide sind sozusagen geladene Gäste. Nur dass du eben mehr von selbst auftauchst, dort wo ich gerade nicht bin oder dort, wo ich nicht mehr gewünscht werde. Unsere Schicksale sind verknüpft. Du weißt doch, gäbe es mich nicht...“

Gäbe es mich nicht“, beendete Mutter Frieden den Satz, jetzt auch sanfter. „Ich weiß, trotzdem...“

Wärst du zufrieden, wenn es mich nicht mehr gäbe?“

Er sah sie an. Fast wirkte er traurig dabei.

Darüber müssen wir gar nicht reden. Das wird sowieso nie geschehen.“

Vater Krieg wirkte jetzt nachdenklich.

Von Zeit zu Zeit denke ich darüber nach, was wäre wenn ich nicht da wäre. Ich habe Angst davor eines Tages nicht mehr gebraucht zu werden, weißt du? Gerade erlebe ich einen Aufschwung, doch wer weiß, wann das wieder vorbei ist. Vielleicht heute schon, vielleicht morgen.“

Mutter Frieden sagte nichts, aber er sah an ihren Augen, dass sie sich nichts sehnlicher wünschte, als genau das.

Das ist unwahrscheinlich“, sagte sie bloß.

Du weißt ja was dieser Mann, Marx, gesagt hat. Vielleicht tun sich ja wirklich irgendwann die Arbeiter zusammen und fangen an die Welt nach dem Motto „alle sind gleich, jedem gehört alles“ zu regieren. Da bleibt dann wenig Platz für mich.“

Wie dem auch sei“, sagte Mutter Frieden und sah Vater Krieg traurig lächelnd an, „momentan gibt es jedenfalls nicht genug Gründe, um keinen Krieg zu führen.“

Vater Krieg nickte. Sollte Mutter Frieden ihn tatsächlich aufmuntern wollen, oder sprach sie einfach nur aus, was sie dachte, was sie insgeheim fürchtete?

Das Schlimme daran ist nur“, fuhr sie fort, „dass es im Krieg immer die am übelsten trifft, die am wenigsten damit zu tun haben. Die Kleinen nämlich. Die, die überall gleich sind und überall dasselbe wollen: ein normales Leben führen.“

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, während sie sprach. Man sah kaum noch das Weiße. Vater Krieg sah ihr abwartend zu, wie Mutter Frieden nun immer aufgebrachter argumentierte und anscheinend dabei war, sich in Rage zu reden.

Würde man die Kleinen ganz in Ruhe ihr Leben bestreiten lassen, das Geld das für den Krieg verwendet wird, dafür aufbringen, dass es ihnen gut geht und sie in einem toleranten weltoffenen Denken zu unterstützen, dann würden sich viele Kriege erst gar nicht ergeben.“ Mutter Frieden sah aus, als würde gerade das Leid aller Welt, dort, wo sie erfolglos gewesen war, vor ihrem inneren Auge ablaufen, „Krieg kennt nur Opfer, nur Nachteile. Wer bitte profitiert denn von einem Krieg? Die großen Unternehmen und die Rüstungsindustrie. Aber die Kleinen, deren Haus zerstört, deren Familie erschossen wurde, die doch nicht. Und dann noch all die Kriegsverbrechen…“. Sie verstummte.

Vater Krieg merkte erst, als schon eine ganze Weile Stille herrschte, dass Mutter Frieden nicht mehr sprach. Es war immer das gleiche. Wenn sie diskutierten fühlte er sich irgendwann in die Ecke getrieben, spürte, dass er ihr teilweise sogar Recht gab, das aber um die Existenz seiner selbst willen niemals zugegeben hätte. Und am Ende war Vater Krieg immer deprimiert, weil er auf einmal den Eindruck hatte, kein Argument auf der Welt könnte die Nachteile aufwiegen, die gegen ihn sprachen. Dies alles gipfelte dann meist in dem Gefühl, das Mutter Frieden ihm gab, benutzt zu werden für die Zwecke der Menschen. War er wirklich so nutzlos, so beeinflussbar, so sinnlos?

Vater Krieg blickte stumm vor sich hin. Er war nun mal Krieg, Vater Krieg. Zerstörung und Leid waren seine Arbeit. Was konnte er schon dafür was er war. Er hatte sich es nicht ausgesucht. Gerade spürte er wieder die Wut in sich aufwallen, als er zu Mutter Frieden sah, wie sie da saß, still und friedlich, erschöpft von der Diskussion, hatten sich ihre Wangen gerötet. Sie hob den Kopf, als sie spürte, dass Vater Krieg sie ansah, und beugte sich zu ihm herüber. Es kam nicht oft vor, dass sie es tat, doch wenn sie ihn küsste, so wie jetzt, dann vergaß Vater Krieg was er war und spürte nur eine Zufriedenheit in sich aufwallen, die ihn für einen Moment lang tatsächlich im Glauben ließ, dass er sich nie wieder benutzen lassen wollte, und sie, Mutter Frieden, glücklich machen wollte - auch wenn das seine Selbstaufgabe bedeuten sollte. Ja, wenn Vater Krieg Liebe fühlte, die er schon lange in sich vergessen glaubte, dann ging ein Seufzen um die Welt, ein inneres, tiefes Gefühl des Aufatmens.

Nach wenigen Sekunden schon wandte sich Mutter Frieden von ihm ab. Sie lächelte, wirkte auf seltsame Art und Weise zufrieden. Doch schon während sie aufgestanden war und sich mit sachten Schritten von Vater Krieg entfernte, hatte er sich wieder gefangen und in seinen Augen funkelte es gefährlich.

Ich schlage diesen Text vor als Friedenstext des Monats.

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Published by Slov ant Gali eingestellt
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